09.01.2017 – Die Eintagebücher

UNDO ● I. Aya
09.01.2017 ● Die Eintagebücher

 

Eigentlich habe ich zu Neujahr den Vorsatz gefasst, keinen Neujahrsvorsatz mehr zu fassen. Aber eine Sache musste noch getan werden, und gestern war es so weit: Nachdem ich in den Tagen nach Neujahr bereits alle meine Briefe, die vielen Notizen zu meinen unvollendeten Plansprachen, die Zeitungen, die ich über 27 Jahre lang gesammelt, aber nicht gelesen habe, weggeworfen, Fotos, Briefe und Postkarten entsorgt, alle alten E-Mails und meine Social-Media-Profile gelöscht hatte, blieben nur mehr die Eintagebücher.

Seit mehr als 25 Jahren habe ich mir immer wieder vorgenommen, Tagebuch zu führen. Ich habe ein Heft dafür gekauft, einen einzigen Eintrag verfasst und dann nicht weitergeschrieben. Das Heft habe ich nicht weiter verwendet, es aber auch nicht geschafft, die einzige beschriebene Seite herauszureißen. Stattdessen habe ich einige Wochen später ein neues Heft gekauft, mir wieder vorgenommen, Tagebuch zu führen, wieder nur einen einzigen Eintrag verfasst und dann nicht weitergeschrieben, sondern das Heft zu den anderen Heften gelegt.

Hunderte dieser Eintagebücher habe ich in 27 Jahren gesammelt. Gestern, am 9. Jänner 2017, habe ich sie alle entsorgt. Eines nach dem anderen habe ich in den Altpapiercontainer geworfen und schließlich, in der Angst, jemand aus dem Haus könnte eines der Hefte aus dem Container nehmen und lesen, den Haufen von Heften mit alten Zeitungen bedeckt. Um 17:05 Uhr war die Entsorgung abgeschlossen. Das Projekte-Machen hat ein Ende, die Ruinen sind beseitigt und es bleibt mir nur mehr, in der Gegenwart zu leben und zu verhindern, dass irgendwelche Pläne mich davon ablenken.

Seit Jahren gehe ich montags und mittwochs um 18:00 Uhr und freitags um 16:00 Uhr zur Therapie bei Frau Dr. Stein. Meist bin ich eine halbe Stunde zu früh und setze mich im Park an der Ecke auf eine Bank. Wie der Park heißt, weiß ich bis heute nicht, obwohl ich früher, von 1989 bis 2001, ganz in der Nähe gewohnt habe und daher schon früher sehr oft in diesem Park gewesen bin.

Gestern habe ich mich beim Verfrühen verspätet. Es war schon 17:40 Uhr als ich mich auf meine Bank gesetzt habe. Ich habe überlegt, wie ich Frau Dr. Stein sagen soll, dass ich die Therapie nicht fortsetzen werde. Aber es war zu kalt. Der Wetterbericht sprach von -4,5 °C, mein Thermometer zeigte -3,7 °C an. Also beschließe ich, eine Zeitung zu kaufen (Das darf ich, wenn ich die Zeitung nach dem Lesen entsorge!). Ich überquere die Straße und gehe Richtung Trafik. Zu Jahresbeginn, um den Dreikönigstag, ist auf der Welt nichts los, denke ich, als ich die Trafik betrete. An solchen Tagen ist es beruhigend, Zeitung zu lesen.

Der Trafikant raucht. Das kommt mir ungewöhnlich vor. In Trafiken, in Geschäften überhaupt, wird doch seit Jahren nicht mehr geraucht. Ich nehme eine Zeitung und lege sie auf den Ladentisch. Zwölf, sagt der Trafikant. Zwölf? — Der Standard kostet schon lange zwölf Schilling, sagt der Trafikant. Vor ein paar Jahren hat er zehn Schilling gekostet, aber jetzt kostet er schon lange zwölf Schilling.

Ich suche in der rechten Hosentasche nach Münzen und gebe ihm einen Zehner und zwei Schilling. Auf der Titelseite der Zeitung, in der linken oberen Ecke, steht das Datum: Freitag, 7. Jänner 1994. 1994, sage ich zum Trafikanten. Ja, 1994, sagt der Trafikant. Ich irre mich nach Neujahr auch manchmal und sage versehentlich 1993.

Ich verlasse die Trafik. Alles sieht normal aus. Eine normale, ereignislose Nach-Neujahrs-Welt, in der alle ihren Neujahrsvorsätzen nachgehen oder auf Skiurlaub sind. Ich nehme den Schlüsselbund aus der rechten Manteltasche. Es ist der Schlüsselbund, den ich früher gehabt habe. Kein Zweifel. Ich überquere die Kreuzung und biege in die Tendlergasse ein. Vor dem Haus suche ich den Haustorschlüssel und sperre auf.

Schnell laufe ich in den ersten Stock und stehe vor Tür Nummer 6. Hier sind zwei Schlösser aufzusperren. Barbara wollte das so, angeblich aus Sicherheitsgründen. Ich habe mich immer wieder darüber lustig gemacht. Ich betrete den Vorraum und will mich gerade umsehen, als ich ein unbekanntes Handy läuten höre. Es ist das Telefon, das blaue Tastentelefon, das nichtschnurlose Telefon auf der Kommode im Vorzimmer. Ich nehme den Hörer ab: Ja, bitte? — Da bist du ja endlich! Es ist Barbaras Stimme. Wo warst du denn so lange? Ich wollte vor dem Weggehen noch mit dir sprechen. Der Spiegel über der Kommode. Ich betrachte nicht mein Spiegelbild, sondern die Liste von Telefonnummern, die ich einmal ausgedruckt und auf den Spiegel geklebt habe. Barbara, es ist so unglaublich schön, deine Stimme zu hören. — Jetzt bin ich schon im Nachtdienst, sagt Barbara. Was wirst du denn zu Abend essen? — Ich hole etwas aus der Pizzeria. — Wie immer, sagt Barbara. Na gut, ich muss aufhören. Bis morgen. Ich hoffe, du bist zu Hause. Ich muss unbedingt mit dir sprechen. Barbara legt auf.

Ich verlasse die Wohnung und gehe in Richtung Pizzeria. Aber ich gehe nicht in die Pizzeria hinein, sondern an ihr vorbei, biege an der nächsten Kreuzung ab und bleibe nach ein paar Schritten vor einem Haus stehen. Ich nehme mein Handy aus der linken Manteltasche und blicke auf die Anzeige: 17:59. Um 18:00 Uhr läute ich bei Frau Dr. Stein.

Es wird geöffnet. Ich betrete das Haus. Ich betrete die Praxis. Frau Dr. Stein begrüßt mich. Als ich den Mantel aufhänge, bemerke ich, dass ich immer noch die Zeitung in der Hand halte. Auf der Titelseite der Zeitung steht das Datum: Montag, 9. Jänner 2017.

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