11.01.2017 – So wie immer

UNDO ● I. Aya
11.01.2017 ● So wie immer

 

Das erste Mal in meinem Leben habe ich ein Zweitagebuch geschrieben. Und mit diesem Eintrag ist es bereits ein Dreitagebuch. Heute habe ich die Zeit vor der Therapiestunde mit Ungeduld erwartet. Ich war schon vor 17:30 Uhr im Park, habe mich also beim Verfrühen verfrüht.

Kälte und Ungeduld bringen mich dazu, bald in Richtung Trafik zu gehen. Schon als ich die Tür öffne, bemerke ich, dass es nicht nach Zigaretten riecht. Hinter dem Ladentisch steht auch nicht der Mann von vorgestern (das natürlich nicht vorgestern war), sondern eine Frau. Sie ist jung, jedenfalls so jung, dass ich ausschließen kann, dass sie vor 23 Jahren schon in der Trafik gearbeitet hat. Sie ist freundlich. Und sie trägt einen weißen Blazer mit violettem Reißverschluss. Auf dem Ladentisch verstreut liegen 10er-Päckchen Taschentücher mit der Aufschrift FAMOS.

Ich nehme die Zeitung. Titelblatt: 11. Jänner 2017. Zwei Euro Fünfzig, sagt die Trafikantin. Ich gebe ihr einen Fünfer. Ich brauche die Zeitung zum Durchziehen, sagt die Trafikantin. Ich nicke und warte. Dann verstehe ich erst: Ich muss ihr die Zeitung geben, damit sie den Barcode einscannen kann. Ist heute der 11. Jänner 2017?, frage ich. Sie lächelt. Heute ist heute, sagt sie. So wie immer.

Ich verlasse die Trafik und überquere die Kreuzung. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich am 7. Jänner 1994, also 9. Jänner 2017, auf demselben Weg den Teil eines Gesprächs zwischen zwei älteren Frauen mitgehört habe. Eine Frau hat zur anderen gesagt: Es hat sowieso schon jeder gewusst, dass er diese andere hat. Sie sind sogar gemeinsam auf einigen Empfängen gewesen.

18 Minuten zu früh stehe ich vor der Praxis. Bei -4 °C vergehen 18 Minuten langsam. Der Zeitraumkäse schmilzt schneller, wenn es warm ist. Am 7. Jänner 1994 war es bestimmt wärmer. Doch um das festzustellen, muss man Tagebuch führen oder alte Zeitungen aufheben. Mir ist jedenfalls klar: Ich wohne nicht in der Tendlergasse. Die Pizzeria ist längst übernommen worden und heißt jetzt anders. Barbara ist in Indien. Es gibt keine Zeitreise. Heute ist heute. So wie immer.

Nach der Therapie bin ich nach Hause gegangen. Als ich die große Kreuzung überquere, spricht mich eine Frau an, genau wie vor zwei Tagen. Genau wie vor zwei Tagen fragt sie mich, wo die Severingasse sei. Genau wie vor zwei Tagen erkläre ich ihr den Weg. Sie bedankt sich und geht weiter. Ich blicke auf die Titelseite der Zeitung: Montag 9. Jänner 2017. Schon das Ende der Therapiestunde ist mir so bekannt vorgekommen. Ich überlege, nochmals in die Trafik zu gehen und nach dem Datum zu fragen. Stattdessen laufe ich nach Hause.

Zu Hause lege ich den Standard von vorgestern und eben gekauften Standard nebeneinander. Links: Montag, 9. Jänner 2017. Rechts: Mittwoch, 11. Jänner 2017. Unter dem Standard vom 9. Jänner liegt die Frankfurter Allgemeine desselben Datums.

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