13.01.2017 – Karlsson mit K

UNDO ● I. Aya
13.01.2017 ● Karlsson mit K

 

Seit 1989 kenne ich diesen Park. Und erst heute habe ich nachgelesen und herausgefunden, dass dieser Park Arne-Carlsson-Park (Carlsson mit C) heißt. Benannt ist der Park allerdings nach Arne Karlsson (Karlsson mit K); bei der Namensgebung kam es zu einem Schreibfehler. Allein darüber, sowie über die vielen Arne Carlssons und Arne Karlssons, die es gibt und gab, ließe sich eine eigene Saga schreiben.

Inzwischen sind die Temperaturen im Plus-Bereich und ich kann einige Minuten auf meiner Bank sitzen. Es ist auch heller, denn freitags beginnt die Therapiestunde um 16:00 Uhr. Um 15:40 Uhr gehe ich in Richtung Trafik. Noch immer habe ich die Zeitungen der letzten Tage weder entsorgt noch wirklich gelesen. Ob es also nötig ist, schon wieder eine Zeitung zu kaufen? Es muss sein. Zurzeit gibt es ohnehin kaum Berichtenswertes, denke ich. Natürlich, das Wetter, die Waldbrände, die Flüchtlingszahlen. Aber das ist ja alles nicht neu. An solchen Tagen ist es beruhigend, Zeitung zu lesen, denke ich.

Der Trafikant raucht und blickt nicht auf, als ich die Trafik betrete. Ich nehme die Zeitung und lege sie auf den Ladentisch. Zwölf, sagt der Trafikant, ohne mich anzublicken. Damit auch ich unfreudlich bin, lege ich ganz langsam einen Zehner und dann zwei Schillinge auf den Ladentisch. Zwölf, sage ich dabei. Er antwortet, aber ich höre ihm nicht zu. Ein Blick auf den Standard genügt: 7. Jänner 1994. Schlagzeile:

Österreich braucht bis 2011 eine Million neue Wohnungen

Ich verlasse die Trafik. Traurig sieht die Welt um mich herum aus, lichtlos und feucht. Ich überquere die Kreuzung. Auf der anderen Seite stehen drei Frauen, die bei Grün nicht gegangen sind, weil sie sich unterhalten. Die eine sagt zu den anderen: Also, das hat doch schon jeder gewusst. Die anderen schweigen. Aber innerlich verachten sie die Frau, die gerade spricht, weil sie sich so allwissend gibt.

Ich biege in die Tendlergasse ein und betrete das Haus. Ich laufe in den ersten Stock und betrete die Wohnung. Hier beginnt die Krise. Im Alter von 20 Jahren habe ich einige Jahre lang versucht zu meditieren. Es ist eine zermürbende Tätigkeit, bei der man nur feststellen kann, dass die Konzentration auf einen Gedanken unmöglich ist. So wie ein Tisch mit vier Beinen nicht nicht wackeln kann, so kann der Verstand nicht nichts anderes denken. Und die verführerischste Ablenkung ist jene, die zuerst nicht als solche wahrgenommen wird: die Feststellung des Erfolgs.

Nehmen wir an, ich meditiere über das K in Arne Karlsson. Ich denke nur an dieses K. Ich stelle mir dieses K vor. Ich denke, dass ich das sehr gut mache, dass ich schon eine hohe Meisterschaft in der Meditation erreicht habe, dass mich nichts von dem Gedanken an dieses K ablenken kann. Selbst der Ärger darüber, dass die Waschmaschine in der Wohnung über der unseren beim Schleudern das ganze Haus in Schwingung versetzt, selbst der leichte Hunger, den man verspürt und die Überlegung, doch endlich einen Geschirrspüler zu kaufen, damit wir nicht mehr mit der Hand abwaschen müssen, können die Freude über die Erlangung eines hohen kontemplativen Zustands nicht schmälern.

Genau das passiert, als ich im Vorraum stehe. Ich habe es geschafft, denke ich. Ich bin zum 7. Jänner 1994 zurückgekehrt. Nun werde ich warten, bis Barbara anruft. Ich werde ihr sagen, dass wir ihr Anliegen sofort besprechen müssen. Ich kann nicht bis morgen warten.

Das Telefon läutet nicht. Ich gehe in die Küche und öffne den Kühlschrank. Ich erinnere mich, dass Barbara gesagt hat, sie habe am Vortag das erste Mal in ihrem Leben Sushi gegessen. Sie habe ein paar Stück für mich im Kühlschrank gelassen. Ich esse kein rohes Fleisch, habe ich gesagt. Ich gehe lieber in die Pizzeria. Auf dem Küchentisch liegt ein Buch: Manfred Eigen / Ruthild Winkler: Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall.

Ich setze mich an den Küchentisch und blättere im Standard. Ich wollte einen Artikel auswendig lernen. Ich wähle ein Artikel auf Seite 6.

1.497 bekamen Asyl in Österreich

UNO-Hochkommissariat kritisiert, Innenminister lobt neues Gesetz

Ich sage mir den Wortlaut immer wieder vor. Warum ruft Barbara nicht an? 1.497. Wie soll ich mir das merken? Die Entdeckung Amerikas + 5. Ich verlasse die Wohnung und gehe schnell in Richtung Praxis. Dazwischen blicke ich auf das Mobiltelefon. 16:03 Uhr. Heute bin ich zu spät dran.

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