14.01.2017 – Die alte Frau

UNDO ● I. Aya
14.01.2017 ● Die alte Frau

 

Ich konnte noch nie gut schlafen. Jetzt, da ich keine Vorhaben und keine Projekte mehr habe und mich ganz mit der Gegenwart beschäftigen sollte, kann ich erst recht nicht gut schlafen. Und dass alles wegen eines Tages, der weit zurückliegt, der 7. Jänner 1994. Heute morgen ist mir etwas eingefallen. Oder besser: Ich habe mich an etwas erinnert, das für die Sache vielleicht von Bedeutung ist.

Anfang der 1980er-Jahre verfiel meine Mutter (wie viele andere) dem Bio-Wahn. Sie musste Jute-statt-Plastik-Taschen verwenden, ihr eigenes Brot backen, sich basisch ernähren und Kefir trinken. Und sie besuchte regelmäßig eine Art Heilerin oder Kräuter-Dealerin, die immer nur die alte Frau genannt wurde. Immer wieder fuhr ich mit. Die Fahrt in das Dorf, wo die alte Frau wohnte, dauerte lange, bestimmt anderthalb Stunden, aber ich hatte mit langen Wartezeiten kein Problem. Ich verbrachte sie damit, eine eigene Sprache zu erfinden, von der ich heute nur mehr weiß, dass sie Daru hieß.

Wie der Ort hieß, in dem die alte Frau wohnte, weiß ich nicht mehr. Es war ein kleines Dorf, ich glaube, in der Steiermark. Für meine Mutter war das Haus der alten Frau, das außerhalb des Dorfes lang, ein Paradies. Mir kam es verfallen, verschmutzt und gespenstisch vor. Die alte Frau gab meiner Mutter Kräuter, Tinkturen und Rezepte. Meine Mutter redete viel mit ihr und begann manchmal zu weinen. Dabei ging es meistens um die Probleme in der Ehe. Sehr oft stand ich währenddessen an einem winzigen Fenster in der Speisekammer der alten Frau. Es war fast eine verglaste Luke, so klein war dieses Fenster.

Manchmal wurde auch ich behandelt. Einmal hielt die Frau mein Handgelenk und zählte meiner Mutter auf, welche Krankheiten ich bereits gehabt hatte. Natürlich war alles, was sie sagte richtig, und man musste ihre Fähigkeit besonders bestaunen, auf der Rückfahrt besprechen und anderen davon erzählen.

An ein bestimmtes Gespräch zwischen der alten Frau und meiner Mutter erinnere ich mich ganz genau. Meine Mutter hatte wieder geweint, die alte Frau sie getröstet und ich stand am kleinen Fenster und konjugierte Daru-Verben. Nach einer langen Stille sagte meine Mutter: Haben Sie nicht Angst hier in der Nacht so ganz alleine? Die alte Frau lachte: In der Nacht da gehe ich zurück in meine Jugend. – War denn ihre Jugend so schön? – Das nicht, sagte die alte Frau, aber die Männer haben mich noch angeschaut. Und nicht nur angeschaut. Sie erinnern sich also gerne an ihre Jugend, fragte meine Mutter. Die alte Frau schüttelte den Kopf. Nicht erinnern, mein Kind, niemals erinnern. Erinnern hilft nichts. Im Gegenteil: Vom Erinnern wird man krank. Ich erlebe meine Jugend wieder, zumindest ein paar Stunden davon.

Die alte Frau kam auf mich zu und drückte einen Finger fest in einen meiner Halswirbel. Ich mochte ihre Berührung nicht. Merk dir diesen Moment genau, mein Kind, sagte die alte Frau. Wo du stehst und woran du gerade denkst. Wenn du dir das merkst, kannst du jederzeit zu diesem Moment zurückkehren. Ein Schulkollege, dessen Mutter ebenfalls regelmäßig zur alten Frau ging, erzählte mir irgendwann, dass die alte Frau, als sie noch jung war sehr schön gewesen sei. Außerdem habe sie drei Brüste und mit diesen drei Brüsten alle Kinder des Dorfes gesäugt, deren Mütter zu wenig Muttermilch hatten. Ich fragte meine Mutter einmal, ob das alles wahr sei. Sie hat diese Frage nicht beantwortet.

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