16.01.2017 – Second First Lady

UNDO ● I. Aya
16.01.2017 ● Second First Lady

 

Gestern lag kein Schnee mehr und ich habe gesehen, dass meine Bank die einzige frei stehende Bank im Park ist. Alle anderen sind im Boden verankert. Der Weg zwischen den Bänken und dem Spielplatz ist asphaltiert. Vielleicht sollte ich die Bank wechseln, denn meine Bank wird als Erste aus dem Park verschwinden. Andererseits ist meine Bank die schönste Bank.

Nach einem langen Arbeitstag ist mir der Park anders vorgekommen als letzte Woche. Der Schnee hatte den Park groß und hell gemacht. Heute war er finster und hässlich. Ich denke nicht, dass der 16. Jänner 2017 ein Tag ist, an den ich je zurückkehren werden wollen. Aber vielleicht habe ich das vom 7. Jänner 1994 auch einmal gedacht. Daher denke ich an das Rezept der alten Frau. Ich merke mir einen Ort und einen Gedanken. Der Ort ist meine Bank im Arne-Carlsson-Park und der Gedanke lautet:

Der Arne-Carlsson-Park ist bei Schneelage schöner als ohne Schnee.

Dann trete ich meinen Weg in die Trafik an. An der Kreuzung muss ich mich durch die Menschenmenge vor der Straßenbahnstation kämpfen. Ich ärgere mich über Passanten, die zu langsam gehen, und betrete die Trafik. Vor mir kauft eine Frau Parkscheine. Der Trafikant schweigt. Ich lege 12 Schilling auf den Ladentisch.

Erst auf der Straße blicke ich auf das Datum der Zeitung: Freitag, 21. Jänner 1994. Ich laufe schnell nach Hause. Das Vorzimmer sieht ähnlich aus wie am 7. Jänner 1994. Unter dem Hängeteil der Garderobe steht eine Sporttasche. Ich werfe nochmals einen Blick auf das Titelblatt des Standard: Freitag, 21. Jänner 1994. Schnell eine Schlagzeile merken.

Rekordkälte legt New York lahm

Auf dem Küchentisch liegt immer noch das Buch: Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Sushi ist keines mehr im Kühlschrank. Hoffentlich habe ich es nicht gegessen. Auf Seite 5 des Standard Bundespräsident Thomas Klestil und die neue Frau an seiner Seite: Second First Lady Margot Löffler, Enddreißigerin, mit 1,78 Meter Größe nicht zu übersehen. Das Telefon läutet. Ich gehe ins Vorzimmer und hebe ab. Eine Frau sagt ihren Namen und den Namen einer Klinik. Sie können ihre Frau jetzt abholen, sagt sie dann. Ich verabschiede mich. Meine Frau? Sie hat wohl Barbara gemeint. Warum habe ich nicht gefragt? Zurückrufen ist unmöglich. Barbara, die Frau an meiner Seite, Mittzwanzigerin, mit 1,69 Meter Größe.

Ich ziehe meine Jacke an und verlasse die Wohnung. Ich biege ab wie immer, um nicht an dem Burgerlokal, das einen penetranten Geruch von sich gibt, vorbeilaufen zu müssen. 17:57 Uhr. Ich muss mich nicht so beeilen. Ich läute Punkt 18:00 Uhr.

Frau Dr. Stein begrüßt mich im Vorraum. Ich hänge meinen Mantel und den Schal an den Kleiderständer. Ich betrete das Zimmer und lege mich auf die Couch. Normalerweise muss ich den ersten Satz sagen. Aber diesmal beginnt Frau Dr. Stein. Sie sind der pünktlichste Mensch, den ich kenne. Wie machen sie das? Leider kann ich ihr nicht erklären, wie man Daru-Verben konjugiert. Ich weiß es ja selbst nicht mehr.

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