18.01.2017 – Zu spät

UNDO ● I. Aya
18.01.2017 ● Zu spät

 

Gleich gehe ich in die Trafik, habe ich gestern gedacht, als ich auf meiner Bank gesessen bin. Gleich. Davor aber wurde mir klar: Es stimmt nicht, dass ich mich nicht erinnern kann. Ich habe nur nicht mehr gewusst, dass es am 21. Jänner 1994 war.

Als ich zu Barbara durfte, hat sie in einem fort geklagt: Ich muss aufs Klo. Ich muss aufs Klo. Die Schwester hat mir gesagt, das sei nach dem Eingriff ganz normal. Ich solle nach Hause gehen. Sie würde mich anrufen, wenn ich Barbara abholen könne.

Als ich wieder zur Klinik kam, stand Barbara schon bereit. Ich schlug vor, ein Taxi zu nehmen, aber sie wollte mit der Straßenbahn fahren. In der Straßenbahn war nur ein Platz neben einer Frau mit einem Kleinkind frei. Barbara setzte sich und ich stand neben ihr.

Es stimmt nicht, dass ich mich nicht erinnern kann. Die Frau, die neben Barbara saß, atmete schwer und wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirne, obwohl es Winter war. Nach einiger Zeit nahm die Frau ihr Baby, hob es mit beiden Armen hoch und setzte es Barbara auf den Schoß. In sehr schlechtem Deutsch bat sie Barbara, das Kind zu halten, da ihr schlecht sei.

Ich erinnere mich genau daran, dass Barbara das Kind gehalten hat. Es sah für mich wie ein Mädchen aus, obwohl man das in diesem Alter nicht mit Sicherheit sagen kann. Es dauerte nicht lange und Tränen flossen über Barbaras Wangen. Sie versuchte nicht, die Tränen zurückzuhalten. Da sie das Kind mit beiden Händen hielt, konnte sie die Tränen nicht wegwischen.

Ich erinnere mich genau daran. Und ich will nicht zurück zum 21. Jänner 1994. Dennoch gehe ich jetzt in die Trafik, habe ich gedacht und bin dann doch auf der Bank sitzen geblieben. Trotz der Kälte. Der Park war leer. Und dann kam ein SMS von Frau Dr. Stein: Sind Sie zu spät? Oder kommen Sie heute nicht mehr zu unserem Termin?

 

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