19.01.2017 – Durchweg erfunden

UNDO ● I. Aya
19.01.2017 ● Durchweg erfunden

 

ICH: Keine Zeitung von gestern?

ICH: (schweigt)

ICH: Ich habe das Bücherregal durchsucht und das Buch gefunden: Eigen/Winkler: Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Schau her, hier ist es!

ICH: (schweigt)

ICH: Du hast sogar in das Buch hineingeschrieben, wann du es gekauft hast – im Oktober 1993.

ICH: (schweigt)

ICH: Ich habe kurz hineingelesen. Dort steht im Vorwort ein interessanter Satz: Der Abfassung des Manuskripts gingen zahllose Gespräche […] voraus. Zunächst erschien uns der Dialog als die angemessene Darstellungsform unseres Gedankenaustausches. Wir sind jedoch bald davon abgekommen; die klassischen Dialoge sind durchweg erfunden bzw. konstruiert. Simplicio und Salvati, zum Beispiel, bekamen ihre Rollen von Galilei zudiktiert.

ICH: Und ich kann mich noch an mehr erinnern. Einige Wochen später saßen Barbara und ich im Park, im Arne-Carlsson-Park. Es war vielleicht März oder April, jedenfalls ein schöner und sonniger Frühlingstag. Kaum zu ertragen. Barbara hat nach dem 21. Jänner große Probleme mit Hautunreinheiten bekommen. Ihr Gesicht war von Pickeln übersät. Sie hat Monate gebraucht, bis alles wieder in Ordnung war. Sie hat täglich mehrmals Tinkturen aufgetragen und zahlreiche Behandlungen probiert. Und all das ohne jemals ein einziges Wort darüber zu sprechen.

ICH: Die alte Frau hatte recht. Erinnern hilft nichts. Vom Erinnern wird man krank.

ICH: (schweigt)

ICH: Und morgen?

ICH: (schweigt)

ICH: Hanna treffen?

ICH: (schweigt)

ICH: Barbara ein E-Mail schreiben?

ICH: (schweigt)

ICH: Du musst die Vergangenheit durchweg neu erfinden. Vielleicht kannst du sie doch verändern. Du könntest morgen zum 7. Jänner 1994 zurückkehren und einen Notizzettel in dieses Buch legen. Ich nehme die Notiz dann aus dem Buch und lese sie. Das wäre doch ein Beweis.

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