13.02.2017 – Vortagskrapfen

UNDO ● II. Geologenhammer
13.02.2017 ● Vortagskrapfen

 

Gestern habe ich die Zeitung gekauft und mich in die Konditorei AIDA gesetzt, in jene Filiale gegenüber dem Arne-Carlsson-Park, in der man früher Vortagskrapfen kaufen konnte. Ich bestelle, gehe aufs WC, und als ich zurückkomme, sitzt eine junge Frau an meinem Tisch. Es ist Kinga, Kinga Tóth, die Tochter des Komponisten László Tóth. Wir waren von 1989 bis 1990 Studienkollegen und beste Freunde, bis wir uns im Café Bendl wegen des Irakkriegs zerstritten haben. Sie grüßt mich freundlich und küsst mich auf beide Wangen. Als sie die Titelseite der Zeitung sieht, schaut Kinga gleich wieder weg: Vor Start der Bodenoffensive bat Gorbatschow um Aufschub. Ich schaue trotzdem auf die Titelseite, um das Datum zu sehen: Montag, 18. Februar 1991.

Was hast du bestellt?, fragt Kinga. Wie immer, sage ich, Kakao ohne Schlag, Vortagskrapfen. Wir schauen uns nicht in die Augen. Du hast dich nicht verändert, sage ich. Du redest so, als hätten wir uns seit 20 Jahren nicht mehr gesehen, sagt Kinga. Ich höre Kinga gerne reden, besonders wenn sie das Wort einzigartig sagt. Es ist so wenig ei in diesem einzigartig, dass ich immer endsiegartig verstehe. Kinga sagt Sätze wie: Die Dummheit dieser Rechtspolitiker ist wirklich endsiegartig. Heute aber sagt sie: Ich gehe zu meinem Vater. Kommst du mit? Wir verlassen die AIDA. Doch als ich vor der Tür stehe, ist Kinga weg. Ich blicke auf die Zeitung: Montag, 13. Februar 2017. Keine Rede vom Irakkrieg.

 

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