Zehn Menschen

UNDO ● V. Wartezimmer
Zehn Menschen

 

Obwohl Aya mit ihrem Vater kurz nach 09:00 die Ordination betritt, ist das Wartezimmer schon voll. Aya zählt. »Zehn«, sagt sie dann und seufzt. »Schau«, sagt der Vater, »zwei Stühle sind noch frei. Die sind für uns reserviert« Die beiden setzen sich. »Zehn Menschen sind vor uns dran. Das kann lange dauern«, sagt Aya. Sie lässt die Beine baumeln, dann summt sie kurz eine Melodie, zählt dann nochmal die Menschen im Wartesaal und summt wieder.

»Papa«, sagt Aya nach einer Weile, »kann ich den Gameboy haben?« – »Komm, Aya«, sagt der Vater, »du kannst doch jetzt nicht mit dem Gameboy spielen. Es ist viel zu spannend hier.« Aya verzieht das Gesicht. »Spannend? Was ist denn spannend, wenn man lange warten muss?«, fragt sie. »Es ist spannend, die Leute hier im Wartezimmer zu beobachten«, sagt der Vater. »Die kenne ich doch gar nicht«, sagt Aya. Aya weiß genau, was Papa will. Er will ihr sagen, dass es nicht lange dauern wird, dass die Wartezeit schnell vergehen wird und dass ihr nicht langweilig werden wird. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Es dauert lange und Aya ist jetzt schon langweilig.

»Also, ich kenne alle hier«, sagt der Vater. »Blödsinn«, sagt Aya. Der Vater dreht sich zu ihr: »Sag niemals Blödsinn zu etwas, das dein Vater gesagt hat«. Aya muss lachen. Mama sagt oft zu ihr, dass der Vater wieder einen Blödsinn gemacht hat. »Das sind wildfremde Menschen. Woher willst du die denn kennen?«, fragt Aya. In diesem Moment kommt Frau Dr. Haupt in den Warteraum: »Frau Magister Bartolotti bitte!« Aya schmunzelt. Sie dreht sich zu Papa. »Du kennst also Frau Magister Bartolotti?«, fragt Aya. Der Vater nickt. »Aber sicher«, sagt er. Und schon daran, wie der Vater den Mund verzieht, erkennt Aya, dass das nicht stimmen kann. »Blödsinn«, sagt Aya. Der Vater hebt den Zeigefinger: »Habe ich nicht gerade gesagt, du sollst nicht …« Aya unterbricht ihn: »Wo hast du sie getroffen?« – »Getroffen! Getroffen!«, sagt der Vater, »Ich habe sie gar nicht getroffen. Ich brauche sie doch nicht zu treffen. Ich habe sie angesehen. Das genügt.« Aya wird wieder langweilig. Sie beginnt zu summen.

»Ich weiß alles über Antonia, was ich wissen will«, sagt der Vater. Aya hört auf zu summen. »Wer ist bitte Antonia?«, fragt sie. »Antonia Bartolotti.«, sagt Papa, »Die Frau, die gerade zur Frau Doktor hineingegangen ist«. Aya runzelt die Stirn. »Woher weißt du, dass sie Antonia heißt?«, fragt Aya. Der Vater dreht sich zu Aya. Er flüstert in ihr Ohr: »Ich weiß noch viel mehr. Ich weiß, dass sie Kontrabass spielt«. – »Kontrabass?«, fragt Aya. Sie blickt um sich. Im Wartezimmer ist kein Kontrabass. Hier gibt es nur Zeitschriften, Stühle, Regenschirme und wartende Menschen. »Und ich weiß noch viel mehr über sie«, sagt Papa. »Wirklich?«, fragt Aya. »Wirklich«, sagt der Vater und erzählt die Geschichte von

 

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