Antonia mit dem Kontrabass

UNDO ● V. Wartezimmer
Antonia mit dem Kontrabass

 

Antonia spielt Kontrabass in einem Orchester. Die anderen Musiker schätzen Antonia. Sie ist eine sehr gute Instrumentalistin und unterstützt jeden der Hilfe braucht. Trotzdem hat Antonia keine engen Freunde. Wenn das Orchester auf Konzertreise geht, bekommen die Musiker im Hotel alle ein Einzelzimmer. Nur Antonia nimmt ein Doppelzimmer. Sie braucht immer ein Doppelbett in ihrem Zimmer. Und das kommt den anderen Musikern seltsam vor.

»Wozu braucht sie ein Doppelbett?«, fragt Aya.

Naja, das fragen sich die anderen Musiker im Orchester natürlich auch. Warum braucht sie ein Doppelbett? Wozu braucht Antonia immer ein Doppelbett? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Antonia immer neben ihrem Kontrabass im Bett schläft. Und ein Kontrabass ist groß. Eine Musikerin, die Querflöte spielt, könnte ihr Instrument ganz einfach mit ins Bett nehmen. Aber für einen Menschen und einen Kontrabass ist in einem normalen Bett zu wenig Platz. Und darum brauchen Antonia und der Kontrabass ein Doppelbett.

»Und warum muss der Kontrabass neben ihr im Bett liegen?«, fragt Aya.

Auch das ist eine gute Frage. Ein Kontrabass schläft ja nicht und schnarcht nicht, er frühstückt nicht, weshalb er auch niemals im Bett frühstücken kann. Aber Antonia will, dass der Kontrabass neben ihr liegt, weil sie Angst hat, dass jemand ihren Kontrabass beschädigen oder zerkratzen könnte. Antonia ist nämlich, als sie so alt war wie du, in eine Musikschule gegangen. Die Musikschule war ein Internat, in dem die Schülerinnen während der Woche auch gewohnt und geschlafen haben. Wenn es in der Musikschule zu Prüfungen kam, bei denen man auf seinem Instrument etwas vorspielen musste, herrschte große Konkurrenz unter den Schülerinnen. Jede wollte die Beste sein und da griffen manche zu unfairen Mitteln. Wenn alle schliefen, machten sie sich an den Instrumenten der Mitschülerinnen zu schaffen, verstimmten oder beschädigten sie, damit die Musik beim Vorspielen nicht gut klang.

»Aber Antonia könnte doch den Kontrabass über Nacht einfach in einem Schrank einsperren«, sagt Aya ganz laut.

Ja, da hast du recht. Das könnte sie. Aber wenn man Angst hat, denkt man nicht logisch. Es ist Antonia auch in all den Jahren, seit sie im Orchester spielt, niemals passiert, dass irgendeine Kollegin oder ein Kollege ihren Kontrabass auch nur berührt hat. Trotzdem fühlt Antonia sich nur wohl, wenn der Kontrabass neben ihr im Bett liegt. Wenn sie nachts aufwacht, greift sie mit der Hand nach dem Griffbrett oder berührt mit dem Knie seinen großen Körper. Und wenn sie spürt, dass der Kontrabass da ist, kann sie beruhigt weiterschlafen.

 

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