Margit und die Baummaus

UNDO ● V. Wartezimmer
Margit und die Baummaus

 

Es ist still im Wartezimmer. Doch schon nach wenigen Minuten geht die Tür auf und eine junge Frau mit roten Haaren kommt in die Arztpraxis. Sie geht zum Schalter, um sich anzumelden. Dann nimmt sie auf dem einzigen freien Stuhl Platz, dem Stuhl, auf dem zuvor Frau Mag. Bartolotti gesessen ist. Die rothaarige Frau schaut in die Runde. Dann blickt sie Aya an und nickt ihr zu.

»Es sieht so aus, als würdest du die Menschen hier kennen. Hat dich die Frau gerade gegrüßt?«, fragt der Vater. »Nicht so laut. Sie kann dich hören«, sagt Aya. Der Vater schmunzelt: »Wer ist sie?« Aya rutscht näher zum Vater und dreht sich zu seinem rechten Ohr, damit sie leiser sprechen kann. »Ich weiß nicht, wie sie heißt. Aber ich nenne sie Margit«, sagt Aya. »Margit«, wiederholt der Vater und blickt die rothaarige Frau an. Das lange, gekräuselte Haar trägt sie nach hinten zusammengebunden. Sie bemerkt, dass Ayas Vater sie anschaut und schaut ihn ebenfalls lange an, bis er sich wieder zu Aya wendet. »Kannst du dich an die Stoffpuppe erinnern, mit der ich noch gespielt habe, als ich schon in der Volksschule war?«, sagt Aya. »Ja sicher,«, sagt der Vater, »sie hieß Margit«. Aya nickt. »Nach ihr habe ich sie benannt«.

Der Vater sieht, wie Aya die Beine schnell auf und ab baumeln lässt. Sie scheint aufgeregt zu sein. »Aber woher kennst du sie?«, fragt der Vater. »Und woher kennt sie dich? Sie hat dich doch eben gegrüßt.« Aya ist diese Frage unangenehm, denn sie will ihr kleines Geheimnis bewahren. Immer, wenn Aya mit ihrer Mutter in die Trafik in der Nußdorfer Straße geht, hält sie Ausschau nach Margit. Denn hin und wieder steht Margit dort neben der Trafikantin und unterhält sich mit ihr. Aya ist immer erfreut, Margit zu sehen. Warum das so ist, weiß sie nicht. Wenn Margit in der Trafik steht, trägt sie immer den orangefarbenen Overall, den die Müllarbeiter in der Stadt tragen. Die 48er, wie die Mutter die Müllarbeiter nennt. Im Sommer, wenn es heiß ist, öffnet Margit den oberen Teil des Overalls und lässt ihn nach unten baumeln.

Und auch an einem anderen Ort ist Aya Margit schon begegnet, nämlich an dem kleinen Würstelstand im Park an der Ecke, wo die Mutter manchmal mit Aya sitzt, wenn sie sie von der Klavierstunde abgeholt hat. Beide trinken sie dann Cola oder Eistee und sitzen an dem kleinen weißen Tisch, der hinter dem Würstelstand steht. Einmal stand Margit am Würstelstand und unterhielt sich mit der Betreiberin. Aya blickte zu Boden und sah, wie eine kleine Maus aus dem großen Baum neben dem Würstelstand kletterte. Die Maus kam nah an Aya heran. Die Frau vom Würstelstand sagte zu Margit: »Da ist wieder eine von den kleinen Baummäusen. Es sind zwei da. Ich sehe sie jeden Tag.« Dann kam Margit langsam auf Aya zu und betrachtete die Baummaus, die einen Meter vor Ayas Füßen stand. »Wo ist denn dein Bruder?«, fragte Margit die Baummaus.

»Arbeitet sie in einem Geschäft?«, fragt der Vater noch einmal. »Du hast gesagt, du kennst alle Menschen hier im Wartezimmer«, sagt Aya, »Dann wirst doch auch wissen, was Margit macht«. Der Vater denkt lange nach. »Ich glaube, sie ist Straßenkehrerin«, sagt er dann. Verdammt, denkt Aya, er ist gar nicht so schlecht. Woher weiß er das nur?

»Willst du nicht zu ihr gehen und sie fragen, wie sie wirklich heißt?«, fragt der Vater. Aya blickt ihn entsetzt an. »Nein!«, will Aya sagen, doch genau in diesem Moment kommt Antonia aus dem Behandlungszimmer und die nächste Patientin wird aufgerufen: »Frau Kommanec! Frau Kommanec, bitte!« – Aya blickt den Vater an, während Antonia laut Auf Wiedersehen sagt und die Arztpraxis verlässt: »Wieso fragst du Antonia nicht, wie sie wirklich heißt?« – Der Vater schweigt. »Und Frau Kommanec kennst du natürlich auch?«, fragt Aya. »Natürlich kenne ich Frau Kommanec. Und ihre drei Katzen«, sagt der Vater und erzählt die Geschichte von

 

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