Schwedensuppe

UNDO ● V. Wartezimmer
Schwedensuppe

 

Lange ist Frau Kommanec beim Doktor. Der Vater schweigt. »Noch acht Leute sind vor uns dran. Jetzt ist dir auch langweilig«, sagt Aya. »Nein«, sagt der Vater, »ich muss nur gerade nachdenken.« Aya steht auf und geht zum Tischchen, auf dem die Magazine und Zeitschriften liegen. Sie blättert in einer Zeitschrift, kommt aber bald wieder zurück und setzt sich.

»War Frau Kommanec auch deine Lehrerin?«, fragt Aya. Der Vater dreht sich zu Aya. »Wie hast du das nur erraten?«, sagt der Vater und lacht. »Richtig. Frau Kommanec war meine Volksschullehrerin. Ich habe sie sehr gemocht. Und sie ist mit uns jeden Sommer in den Arne-Carlsson-Park gegangen.« – »Wo ist der Arne-Carlsson-Park?«, fragt Aya. Der Vater blickt sie entsetzt an: »Also, diese jungen Leute wissen heute gar nichts mehr. Dort, wo die Baummäuse gesehen hast und deine Margit; das ist der Arne-Carlsson-Park.« – »Den Park kenne ich. Aber ich wusste nicht, wie er heißt. Weiß die Mama, wie der Park heißt?«, fragt Aya. »Das sollte sie wissen«, sagt der Vater, »Sonst musst du es ihr erklären.«

Als die Lehrerin Kommanec ein kleines Kind war, im Jahr 1945, gab es in Wien fast nichts zu essen. Der Krieg war zu Ende gegangen und die Menschen hungerten. In dieser Zeit organisierte das Schwedische Rote Kreuz zweimal täglich eine Essensausgabe speziell für Kinder: Man bekam eine Suppe, die sogenannte Schwedensuppe, eine Vitamintablette und ein Stück Schokolade. Die Lehrerin Kommanec wäre vielleicht verhungert, wenn es die Schwedensuppe nicht gegeben hätte. Diese Essensausgaben wurden von einem Mann namens Arne Karlsson organisiert. Karlsson mit K.

»Lebt Arne Karlsson noch?«, fragt Aya.

Nein, Arne Karlsson wurde leider im Jahre 1947 von einem Soldaten erschossen; bis heute weiß man nicht, warum das passiert ist. Um ihm für seine Hilfe zu danken, wurde der Park im selben Jahr nach ihm Arne-Carlsson-Park genannt. Der Park schreibt sich aber mit C: Arne-Carlsson-Park, weil dem Beamten beim Schreiben der Urkunde ein Fehler unterlaufen ist.

»Was? Wie kann so etwas passieren«, fragt Aya. »Tja, der Beamte war eben nicht Schüler bei der Lehrerin Kommanec. Oder er hatte zwei Katzen namens C und K und hat die beiden verwechselt«, sagt der Vater. Aya lacht: »Wieso haben die Katzen in deinen Geschichten immer so komische Namen?«, fragt sie. »Ich erzähle nur, wie es wirklich ist. Bist du denn mit deiner Klasse niemals im Bunker im Arne-Carlsson-Park gewesen«, fragt der Vater? Aya schaut ihn an: »Was für ein Bunker?« Der Vater schüttelt den Kopf. »Im Arne-Carlsson-Park befand sich im Krieg ein Schutzbunker. Meine Großmutter, also deine Urgroßmutter, ist dort während der Bombenangriffe hingegangen, um Schutz zu suchen. Auch die Lehrerin Kommanec ist als Kind bei Bombenangriffen dorthin gelaufen. Also nächste Woche machen wir eine Führung durch den Bunker«, sagt der Vater.

In diesem Moment wird der Vater unterbrochen. Die Lehrerin Kommanec kommt aus dem Behandlungszimmer. Sie nimmt Mantel und Schal vom Kleiderständer und verlässt die Arztpraxis.  »Und warum hat sie dich nicht gegrüßt, wenn sie dich kennt?«, fragt Aya. Doch in diesem Moment wird der nächste Patient aufgerufen: »Herr Jahn, bitte. Herr Jahn!« Aya dreht die Augen zu ihrem Vater: »Jetzt bin ich aber gespannt, wer Herr Jahn ist.« ‒ »Ja, das ist auch wirklich spannend«, sagt der Vater.

 

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