Eine Katze als Bundeskanzlerin

UNDO ● V. Wartezimmer
Eine Katze als Bundeskanzlerin

 

Kira Mahdavian ist Journalistin. Eigentlich möchte sie über Wirtschaft schreiben, aber der Chefredakteur setzt sie auch in den Bereichen Politik, Kultur, Gesellschaft und Unglücke ein. Ihre Arbeitszeit ist immer dann, wenn Artikel von ihr verlangt werden. Und jedes Mal, wenn sie den Chefredakteur fragt, wie er einen Artikel von ihr findet, sagt er ausweichend: »Ganz o.k., aber es könnte ein wenig reißerischer sein, aufregender, absurder.«

Kira ist immer ein wenig beleidigt über dieses Urteil. Aber sie konnte sich lange nicht überwinden, bei Autounfällen Tote und Verletzte dazu zu erfinden, Augenzeugen zu zitieren, die es gar nicht gibt, und nach absurden Details zu suchen, um eine uninteressante Meldung interessanter zu machen. Als aber der Wahlkampf kam, wurde die Laune des Chefs täglich schlechter. Und als er eines Tages einen Bericht von Kira las, sagte er: »Immer dieselben Geschichten! Man weiß gar nicht, ob das aus dem Jahr 2017 oder aus dem Jahr 1970 ist.« – Daraufhin war Kira besonders beleidigt. Sie saß abends in einer Bar, las die neuesten Pressemeldungen über den Wahlkampf und trank ein Glas Wein nach dem anderen. Dann entdeckte Kira durch Zufall diesen Artikel:

Sibirien: Verärgerte Bürger wollen Katze als Bürgermeister

Die Bürger der sibirischen Stadt Barnaul sind desillusioniert von den korrupten Politikern ihrer Stadt – und klammern ihre Hoffnung an eine tierische Alternative.

Unzufrieden mit grassierender Korruption und Vetternwirtschaft unter lokalen Politikern, sehnen sich die Bewohner der Stadt Barnaul im tiefsten Sibirien nach frischem Wind im städtischen Gemeinderat. Diesen Wunsch äußerten die Bürger der rund 700.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Region Altai, tausende Kilometer östlich von Moskau gelegen, äußerst ungewöhnlich.

Weit abgeschlagen vor allen menschlichen Konkurrenten gewann die Katze Barsik den Bürgermeisterposten – bei einer inoffiziellen Wahl, die von einer populären, lokalen Social-Media-Plattform organisiert worden war. Die 18 Monate alte Schottische Faltohrkatze erlangte knapp 91 Prozent der rund 5400 Wählerstimmen.

Am Dienstag war die Abstimmung auf V-Kontakte, dem „russischen Facebook“, zu Ende gegangen – und sorgte nicht nur in der jungen Bevölkerung für Gesprächsstoff. „Die Leute wissen nicht mehr, wem sie trauen können“, sagte der Pensionist Yevgeny Kuznetov. „Sie sind zur Erkenntnis gelangt, dass sie den Behörden nicht trauen können.“

Nur Mäuse wählen nicht für Barsik

Barnaul wurde in den vergangenen Monaten von mehreren hochrangigen Korruptionsskandalen erschüttert. So waren der im August zurückgetretene Bürgermeister Igor Savintsev und seine gesamte Familie in die Machenschaften verwickelt, die der Gemeinde elf Millionen Rubel (144.000 Euro) gekostet hatten.

„Die Einwohner zweifeln an ihrer Kompetenz und Professionalität“, erklärte einer der Organisatoren der Wahl die Reaktion der Bürger auf die Umtriebe der Politiker in Barnaul. Er hat auch einen neuen Coup geplant. Mit einer Crowd-Funding-Initiative will er eine Plakatwand im Stadtzentrum organisieren, auf der der tierische Kandidat prangt. „Nur Mäuse wählen nicht für Barsik!“, soll darauf stehen.

Die Presse vom 16.12.2015

 

Und nach dem fünften oder sechsten Glas Wein, beschloss Kira, auch einen solchen Artikel zu schreiben – über eine Bürgerinitiative, die eine Katze zur Bundeskanzlerin machen will. Doch Kira war beschwipst und hatte keine Geduld mehr, sich eine Geschichte auszudenken. Also behauptete sie einfach, die Bürgerinitiative ginge von Klosterneuburg aus. Sie machte aus der Schottischen Faltohrkatze eine Hauskatze, anstatt Barsik gab Kira der Katze den Namen Helena und statt Bürgermeister sollte die Katze Bundeskanzlerin werden.

Noch in der Nacht schickte Kira den Artikel an den Chefredakteur. Als Kira am nächsten Tag in die Redaktion kam, hatte sie einen schweren Kopf, weil sie am Vortag zuviel Wein getrunken und zu wenig geschlafen hatte. Doch der Chefredakteur begrüsste sie mit einem Lachen und klopfte ihr auf die Schultern: »Kira, das ist endlich einmal eine Geschichte, die unsere Leser haben wollen. Eine Katze als Bundeskanzlerin. Herrlich!« – Kira zögerte ein wenig. »Du weißt schon, dass das Ganze erfunden ist«, sagte sie. Aber der Chefredakteur lachte nur: »Katzen sind immer gut. Und die Wahrheit … Die Wahrheit ist langweilig. Denk doch an die Kuh von Misses O’Leary. Das war auch nicht die Wahrheit, aber berühmt ist die Geschichte bis heute.« – Also lasen Hunderttausende Menschen von der Katze Helena die Bundeskanzlerin werden sollte. Und Zehntausende riefen bei der Wahlbehörde an, wo sie die Unterstützungserklärung für die Liste Helena unterschreiben könnten.

»Und was ist das mit dieser Kuh?«, fragt Aya. »Die Kuh von Misses O’Leary? Hab ich dir das nicht erzählt? Das ist eine wahre Geschichte«, sagt der Vater. Aya verzieht das Gesicht: »Ich dachte, es ist eine falsche Geschichte.« – »Es ist eine richtig falsche Geschichte«, sagt der Vater und die Geschichte über

 

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