Sonntag

UNDO ● V. Wartezimmer
Sonntag

 

»Herr Kwesi Mensah ist der Nächste bitte«, ruft Frau Dr. Haupt. Es ist das erste Mal, dass sie einen Patienten mit vor und Nachnamen aufruft. »Immerhin weiß ich, wann du geboren bist«, sagt der Vater. »Aber das steht doch in meinem Reisepass«, sagt Aya. »Der Wochentag nicht«, sagt er Vater. Aya überlegt. »Ich weiß gar nicht, an welchem Wochentag ich geboren bin«, sagt sie dann. Der Vater lässt sich mit seiner Antwort Zeit: »Du bist an einem Sonntag geboren. Genau wie Herr Kwesi Mensah.« Aya schüttelt den Kopf: »Siehst du, das kann ich dir nicht glauben. Es ist genauso wie mit der Kuh von Frau O’Leary. Vielleicht weißt du, an welchem Wochentag ich geboren bin. Aber an welchem Wochentag Herr Kwesi Mensah geboren ist, kannst du nicht wissen.«

Und doch kann ich es wissen, weil es nämlich sein Name verrät. Kwesi Mensah stammt aus Westafrika, wahrscheinlich aus Ghana oder Elfenbeinküste. Dort bekommt nicht einen Vornamen, den die Eltern aussuchen, sondern der Wochentag bestimmt den Vornamen. Wer Kwesi heißt, wurde am Sonntag geboren.

»Dann gibt es dort nur sieben verschiedene Vornamen?«, fragt Aya.

Vierzehn. Sieben Frauennamen und sieben Männernamen. Ein Mann, der am Sonntag geboren wurde heißt Kwesi. Eine Frau, die am Sonntag geboren wurde Akosua. Eine Frau, die am Freitag geboren wurde, heißt Afua. Ein Mann, der am Freitag geboren wurde, Kofi.

Aya sitzt da und überlegt lange: »Und wenn eine Mutter zwei Söhne hat, die beide an einem Freitag geboren wurden? Heißen dann beide Kofi?«

Das erste Kind heißt dann Kofi, das zweite Manu. Das vierte männliche Kind, das an einem Freitag geboren wird, heißt Kofi Annan.

»Wenn ich also aus der Elfenbeinküste wäre, hieße ich Akosua«, sagt Aya. »So ist es«, sagt der Vater.

 

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