20.04.2018 – Bankraube

UNDO ● VI. Frankfurter
Bankraube

 

Ich dachte schon, meine UNDO-Fähigkeit wäre mir wieder abhanden gekommen. Monatelang keine Botschaften aus der Vergangenheit. Inzwischen bereite ich mich auf einen Abend vor, an dem ich über den 1995 erschienenen Roman Das steinerne Meer von Clemens Eich spreche, und daraus vorlese. Der leider früh verstorbene Autor war ein Meister darin, Orte und Plätze zu beschreiben und auf verschiedenen Zeitebenen zu behandeln. An einer Stelle des Romans heißt es:

In Muna, diesseits der Grenze in Österreich, werden die Würste, die aus den Augen der Tiere bestehen, Frankfurter genannt, einige Meter jenseits der Grenze heißen sie Wiener. Auf beiden Seiten der Grenze werden sie mit Senf verzehrt.

[Clemens Eich: Gesammelte Werke I, Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag, 2008), S. 12]

Ich habe nachgelesen, dass der Erfinder der Frankfurter, der Fleischhauermeister Johann Georg Lahner, eigentlich aus Bayern stammte, nämlich aus Gasseldorf, das ca. 50 km nördlich von Nürnberg liegt. Seine Lehre machte Lahner allerdings in Frankfurt, um schließlich 1800 in Wien anzukommen, wo er im Jahre 1805 eine Wurstspezialität erfand, die er wohl aufgrund seiner Lehrjahre Frankfurter nannte und die schon zu Lahners Lebzeiten berühmt war. An dem Haus, in dem sich früher Lahners Laden befand, in der Kaiserstraße 99, wurde am 20. September 1994 eine Gedenktafel angebracht, die an die Lahner-Würste erinnern soll.

Schon auf dem Weg zur Trafik sehe ich, dass sie heute anders aussieht. Und wirklich, als ich sie betrete, sitzt dort der alte Trafikant, dessen Unfreundlichkeit so wienerisch und zeitlos ist, dass man auch für ihn eine Gedenktafel anbringen sollte. Zwölf, sagt er wie immer und wie immer raucht er. Ich blicke auf das Datum: Freitag, 2. April 1993.

Im Park lese ich schnell die Zeitung, bevor die Vergangenheit wieder vorbei ist. Auf Seite 7 finde ich den Artikel

Schon zwölf Bankraube in Wien

Unter dem Artikel ist das Foto von einem Bankraub, den zwei Tage zuvor am 31. März 1993 ein Bankräuber in der Bank-Austria in der Lazarettgasse verübt hatte. Der Täter hatte sich nicht den statisch häufigen Freitag ausgesucht, sondern einen Mittwoch, an dem sich die Bankangestellten üblicherweise am sichersten fühlten.

Mehrmals nehme ich mir vor, von der Bank aufzustehen. Als ich wieder auf die Zeitung blicke, lese ich das Datum: Freitag, 20. April 2018. Doch das Wort Bankraube habe ich im Kopf behalten. Ich muss zu meiner Therapiesitzung, die im April von 18:00 Uhr auf 16:00 Uhr vorverlegt wurde. Da ich nichts zu schreiben bei mir habe, merke ich mir eine To-Do-Liste:

  1. Im Duden nachsehen, ob Bankraube der korrekte Plural ist
  2. In der Lazarettgasse nachsehen, ob es die Bank-Austria-Filiale noch gibt
  3. In der Kaiserstraße 99 nachsehen, ob die Lahner-Gedenktafel noch hängt

 

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