Geologenhammer

Geologenhammer

Stephan Protschka war mit zweiunddreißig Jahren der jüngste Universitätsprofessor des Landes. Und ich war mit einunddreißig Jahren sein ältester Student. Nachdem Protschka mich immer wieder bei Prüfungen oder auf dem Korridor des Instituts für Musikwissenschaft ermahnt hatte, doch nun endlich fertig zu studieren, vermied ich ihn, indem ich seine Vorlesungen und Seminare nicht mehr besuchte und auch nicht mehr auf das Institut ging.

Im Sommer 1990 hatte ich mich in die Studentin Kinga Tóth verliebt. Sie studierte ebenfalls Musikwissenschaft und daneben Komposition an der Hochschule. Im Jahr 1991 – es war am 18. Februar, daran erinnere ich mich genau – traf ich Kinga in einem Café und sie schlug mir vor, mit ihr ihren Vater, den Komponisten Laszlo Tóth zu besuchen. Um Kinga einen Gefallen zu tun, willigte ich ein. Auf dem Weg zur Wohnung ihres Vaters, gab Kinga Tóth mir Anweisungen, was ich vor ihrem Vater alles nicht sagen oder tun durfte: »Stell deine Schuhe im Vorzimmer nicht genau parallel ab, denn sonst beginnt der Vater sofort über Schönberg zu reden. Berühre den Flügel im Salon nicht und schau ihn dir auch nicht zu genau an. Sag nichts, das mit Ungarn zu tun hat, sprich den Namen Mozart nicht aus und sag niemals das Wort Geologenhammer.« Ich hätte Kinga eigentlich gerne geküsst, aber in diesem Moment musste grinsen. »Warum lachst du?«, fragte Kinga. »Es fällt mir wirklich schwer, im täglichen Leben ohne das Wort Geologenhammer auszukommen«, sagte ich. Als wir das Wohnzimmer der Tóths in der Van-Swieten-Gasse betraten, sah ich, dass dort auf dem Sofa Stephan Protschka saß.

Zunächst schwiegen Protschka und ich und hörten László Tóth zu, der erzählte, dass er 1956 während des Ungarn-Aufstands nach Österreich gekommen war. Lange habe er gebraucht, um in Österreich als Komponist wahrgenommen zu werden. Dann endlich im Juni 1972 wurde im Wiener Musikverein ein Stück von ihm uraufgeführt. Doch inzwischen war über Nacht ein anderer László Tóth weltberühmt geworden; ein Mann, der exakt denselben Namen trug wie er: László Tóth.

»Tóth László«, sagte László Tóth, »betrat am 21. Mai 1972 den Petersdom, stürmte auf die Pietà zu und schlug mit einem Geologenhammer fünfzehn Mal auf Michelangelos Statue ein.« Im Salon herrschte vollkommene Stille. »Ich bin Jesus Christus, auferstanden von den Toten, soll er dabei gerufen haben«, sagte László Tóth, »Mit fünfzehn Schlägen beschädigte Tóth László den linken Arm, Nase und das Auge der Madonna und den Schleier über ihrem Haar. Mit einem Geologenhammer.« Laszlo Tóths Stücks wurde also im Musikverein uraufgeführt, danach ging er auf die Bühne und verbeugte sich mit den Musikern. Als das Konzert vorbei war, machte er sich auf den Weg in die Garderobe. Dort warteten sechs oder sieben ältere Menschen. Tóth dachte, sie wollten Autogramme, aber plötzlich nahmen sie ihre Regenschirme zur Hand und schlugen damit auf den Komponisten ein. »Du warst das!, riefen sie dabei. Du warst das, du Hund!«, wiederholte László Tóth immer wieder.

Stephan Protschka hatte diese Erzählung bestimmt schon etliche Male gehört und ich kannte die Geschichte bereits von Kinga, die gelangweilt dasaß, um das Ende abzuwarten. Laszlo Tóth war ein Mensch, den niemand zu unterbrechen wagte und so hörten wir zu, während eine Bedienerin Tee servierte. Ich war bei Tóths Erzählung erstarrt; nicht nur wegen Laszlo Tóth, sondern auch, weil ich in einem solchen Salon mit eigenen Dienstboten nicht wusste, wie man sich zu benehmen hatte. Später wurden wir ins Klavierzimmer gebeten, wo Kinga zwei Stücke vorspielte und aus kleinen Gläsern Marillenbrand serviert wurde. Als Vater und Tochter Tóth das Klavierzimmer zur gleichen Zeit verließen, sprach Protschka mich an.

 

 

Weiter >>>

<<< Zurück