Totfeiern

Totfeiern

»Es geht mich ja nichts an …«, sagte Protschka und goss mir und sich noch einen Marillenbrand ein. »Vielleicht haben Sie auch gar keine Zeit«, sagte er. Er trat näher an mich heran und sprach leiser weiter: »Der alte Tóth muss das nicht hören. Er hasst Mozart. Im März erscheint mein Buch über Mozart und ich mache eine Lesereise durch Deutschland. Also eigentlich ist es eine Vortragsreise. Ich halte einen Vortrag, um das Buch zu bewerben. Sie wissen ja, das Mozartjahr, der 200. Todestag. Ich habe selbst keinen Führerschein. Und ich brauche jemand, der mich fährt und mir ein wenig Gesellschaft leistet. Können Sie sich das vorstellen? Ich kann Sie gut bezahlen.« Doch bald kam Laszlo Tóth zurück und Protschka sprach über andere Dinge. Beim Gehen sagte er zu mir: »Kommen Sie morgen zu mir aufs Institut. Um 14:00. Dann besprechen wir die Sache.«

Der 200. Todestag machte das Jahr 1991 zum Mozartjahr. Filme, Festivals, Dokumentationen, Konzerte und Kochbücher, die den Komponisten mehr oder weniger zum Inhalt hatten, erschienen. Das Magazin Der Spiegel titelte: »Ein Genie wird totgefeiert!« Und da durfte ein Buch des sympathischen jungen Musikwissenschafters Stephan Protschka nicht fehlen, der bereits in seiner wöchentlichen Radiosendung mit humorvollen, leicht provokanten Thesen zum Thema des Jahres für Erheiterung gesorgt hatte.

Aufgrund meiner finanziellen entschloss ich mich, mir Protschkas Angebot anzuhören und ging auf das Institut. Ich hoffte, Kinga dort nicht zu begegnen, überhaupt wählte ich einen Weg durch die Stadt, auf dem ich sicher gehen konnte, ihr nicht in die Arme zu laufen. Ich hätte einerseits gerne geküsst, aber andererseits durfte sie von dieser Mozart-Protschka-Sache nichts wissen, denn sie hätte mich dafür ausgelacht.

Stephan Protschka begrüßte mich freundlich, er hatte — wie Kinga immer wieder verächtlich sagte, denn Kinga hielt Protschka für einen eitlen Schwätzer — ein Dauergrinsen auf seinem Gesicht. Ich setzte mich. Er zeigte mir den Reiseplan. Zuerst ging es nach Westösterreich und in die Schweiz, dann durch Deutschland und die ehemalige DDR. Anstrengende zweienhalb Monate würden das werden und ich fragte mich, wie Protschka angesichts dieses Vorhabens weiter an der Uni lehren wollte. »Sie wollen am Totfeiern wohl auch ein wenig verdienen«, sagte Protschka und bot mir viertausend Schilling pro Woche an, was für mich damals eine gute Bezahlung war. Ich sagte sofort zu. Das erste Mal sah ich Protschka statt grinsen wirklich lächeln. Er bot mir das Du-Wort an.

 

 

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