Wir sind nur Staub

Wir sind nur Staub

Man kann sich heute wohl keine Vorstellung mehr davon machen, wie die Langeweile im Jahr 1991 ausgesehen hat, als man sich weder am Computer noch auf dem Smartphone mit Spielen, Chatten, Hörbüchern und anderem unterhalten konnte. Damals hatte auch niemand Mobiltelefone. Beim dritten Anruf aus einem unserer Hotels gelang es mir, Kinga zu erreichen. Heimweh schien sie an meiner Stimme keines zu erkennen oder sie machte sich darüber lustig, als sie sagte: »Langweilt er dich schon, der alte Schwätzer?« Und für diesen Anruf musste ich fast zwanzig DM bezahlen.

Die Vortragsreise hatte gut begonnen. Zuerst fesselte mich Protschkas Vortrag, der mir mit jedem Mal witziger und klüger vorkam. Fast hatte er in mir eine Begeisterung für Mozart geweckt. Im Auto durfte ich die von mir mitgebrachten Musikkassetten mit Bach-Kantaten in Stephans Anwesenheit nicht hören. Er bevorzugte Radio mit aktuellen Charts-Hits.

Die Abende und Nächte nach seinem Vortrag verliefen immer gleich. Meist umringte ihn eine Schar junger Frauen, von denen er die Zwanzig- bis Dreißigjährigen bevorzugte. Discotheken und Bars wurden besucht, bis sich die Zahl der Damen auf eine überschaubare reduziert hatte, aus der entweder eine auswählte, oder seltener allein auf sein Zimmer ging. In der Hoffnung, einen von Protschka verschmähten Groupie trösten zu können, erlebte ich diese Nächte anfangs noch bis zu ihrem Ende mit. Später zog ich mich schon früher zurück, einfach um am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein, denn es stellte sich heraus, dass es sehr viel Energie kostete, einen Tag unserer Vortragsreise verkatert durchzustehen.

Hin und wieder kam es auch vor, dass eine von Protschkas Auserwählten an einem der darauffolgenden Tage an einem anderen Ort, wo wir Station machten, wieder auftauchte. Eine derartige Anhänglichkeit missfiel dem Professor. Er nahm die betreffende Bewundererin für zehn Minuten zur Seite. Meist verließ sie dann unter Tränen das Hotel.

Neben der Langeweile quälte mich die wachsende Abneigung gegen Stephan. Als wir in Hamburg ankamen war daraus schon Hass geworden. Ich hasste ihn; nicht wegen seines Umgangs mit den Frauen, sondern weil ich feststellen musste, dass er seinen Vortrag immer mehr vernachlässigte, Stellen, die für das Ganze wichtig waren, einfach vergaß, Pointen, die an anderen Orten für große Erheiterung im Publikum gesorgt hatten, verhaute und mit einer mir ganz vorsätzlich erscheinenden Schlampigkeit die Bewunderung, die ihm am Anfang der Reise überall entgegengebracht wurde, nicht mehr auslösen konnte.

Zu dem kam täglicher Alkoholkonsum und Stephans Angewohnheit, mich auszulachen, wenn Frauen und Wein ihm auch schon langweilig geworden waren. Das tat er vor allem in Berlin, wo ich das erste Mal versuchte, ihm klar zu machen, dass er durch seine Achtlosigkeit und die Tatsache, dass er nun schon vor dem Vortrag große Mengen Alkohol trank, seinen Auftritt und sein Image ruinierte. »Gott weiß, wir sind nur Staub«, sang er meine Lieblings-Bach-Kantate und machte sich nicht nur – wie immer – über geistliche Musik, sondern besonders über mich lustig.

 

 

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