Viderunt omnes

Viderunt omnes

So waren die letzten beiden Wochen einerseits die härtesten, andererseits half die Vorstellung, dass ich es bald geschafft haben würde. Wir reisten durch Städte der früheren DDR, alle weiß ich nicht mehr, Weimar, Dresden und Chemnitz, das noch im Jahr zuvor Karl-Marx-Stadt geheißen hatte, waren darunter. Anfang Juni erreichten wir Leipzig.

Stephan Protschka war im Auto eingeschlafen, als wir das Hotel Fürstenhof erreichten. Ich war daran gewohnt. Meist hielt er mir Vorträge darüber, dass schon die Barockmusik in Europa einen Niedergang bedeutet hatte, und dass im Grunde die Polyfonie des Pérotin wie in seinem Viderunt Omnes der Höhepunkt der Musik gewesen war. Oder er fragte mich, ob die Frau, die er am Vortag mit auf sein Zimmer genommen hatte, schöner oder wahnsinniger oder geiler gewesen sei als jene in München oder Kassel oder Kiel. Und immer schlief er dabei ein.

Ich stellte also das Auto vor dem Fürstenhof ab und lud mit einem Hotelboy das Gepäck aus. Während ich zur Rezeption ging, schob der Boy das Gepäck in einem Wagen hinter mir her. Die Rezeptionistin lächelte. Ich lächelte ebenfalls, aber das machte sie verlegen und sie schaute kurz weg und widmete sich dem Ausfüllen eines Formulars. Dann lächelte sie mich wieder an und so ging es mehrere Male. Sie händigte mir die Schlüssel aus. »Willkommen. Ich habe Ihr neues Buch schon ganz gelesen, Herr Professor«, sagte sie. Also noch eine Bewunderin. Allerdings eine, die ihr Idol nicht erkannte. Ich klärte die Verwechslung noch nicht auf.

»Entschuldigung, Herr Professor«, sagte sie, »ich hoffe, es ist kein Problem, dass Ihr Zimmer und das Ihres Begleiters nicht nebeneinanderliegen?« Das war nicht nur kein Problem, es war mir sogar viel lieber. Denn in Hotels mit dünnen Wänden hatte ich oftmals die nächtlichen Vorgänge in Protschkas Zimmer mithören müssen. »Das ist gar kein Problem«, sagte ich. »Ich muss nur richtigstellen: Ich bin der Chauffeur. Herr Professor Protschka kommt gleich.«

Sie runzelte die Stirn. Dann sah sie mich mit einem eigenartigen Blick an, der mir nicht verriet, ob sie sich nun für sich selbst schämte oder mich ab diesem Zeitpunkt für einen Menschen zweiter Klasse hielt und daher nicht mehr anreden musste. Protschka ging in diesem Augenblick durch die Eingangshalle auf uns zu. Nun kam die Rezeptionistin mit Protschkas Buch in der Hand hinter dem Schalter hervor. »Herr Professor, darf ich Sie bitten, das Buch zu signieren«, sagte sie. Protschka nahm das Buch, öffnete es, schrieb das Datum und den Satz Viderunt omnes hinein und unterschrieb darunter. Er gab der Rezeptionistin das Buch zurück und grinste sie an.

 

 

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