Des Lehrers Bürden

Des Lehrers Bürden

Nachdem wir beide unsere Zimmer bezogen und geduscht hatten, trafen wir uns in der Hotelbar. Protschka begann mit einem Bier. Ich bestellte Mineralwasser. Ich hatte mir schon die Tage davor in derselben Situation gedacht, Protschka einmal meine Meinung zu sagen. An diesem Tag rutschte es mir heraus: »Stephan, darf ich dir etwas zum heutigen Vortrag sagen?« Er grinste wie immer. »Die Geschichte … diese Geschichte über die Begegnung von Goethe und Beethoven im Jahr 1812 …«, sagte ich. »Die gefällt dir nicht!«, sagte Protschka. »Nein, nein«, sagte ich, »die Geschichte ist gut.« – »Ich finde auch, dass das eine gute Geschichte ist«, sagte Protschka. »Ja, nur gestern …«, sagte ich, »gestern hast du sie vergessen. Du hast sie einfach ausgelassen.« Protschka lachte: »Ist das wahr?«

Nun kam die Bedienung und Protschka bestellte Whiskey. Mit einem Fingerzeig wollte er mich auch zum Trinken überreden, aber ich winkte ab. »Du hast auch ein paar andere Stellen vergessen«, sagte ich, »Und einige Anekdoten, wie die mit Rosalie Joly und Mozart …« – »Was ist damit«, fragte Protschka. »Du erzählst sie nicht mehr so gut … also … früher hat das Publikum immer gelacht. Und jetzt …«, sagte ich.

Die Bedienung brachte den Whiskey. »So gut kennst du meinen Vortrag?«, fragte Protschka. »natürlich, ich kenne ihn in und auswendig«, antwortete ich. Stephan lachte wieder. »Meinst du nicht«, sagte ich, »du solltest vor dem Vortrag nicht trinken?« – Stephan Protschka grinste auch, wenn er eigentlich aggressiv wurde: »Schau an, der Herr Chauffeur weist mich zurecht.« Ich schwieg und tat so, als sei ich nun beleidigt. »Der Vortrag ist nicht mehr so gut wie am Anfang der Lesereise«, sagte er. »Das geht schon wieder. Du kannst das. Du musst dich nur ein wenig …«, sagte ich, als Stephan mich unterbrach. »Also bitte, wenn das so ist«, sagte er, »und wenn du den Vortrag ohnehin in- und auswendig kennst, dann hältst du heute den Vortrag und ich sitze in der erste Reihe und höre zu.«

Ich sah, dass Protschka mit diesem Schachzug triumphierte. Er dachte, er hätte nun gewonnen. Ich durfte keine Miene verziehen. »Ist gut, so machen wir es«, sagte ich, »Du wirst sehen, das wird der beste Vortrag, den du je gehalten hast.« Ich erwartete, dass Protschka, da er nun sah, dass es mir ernst war, sein zurückziehen oder das ganze zu einem Scherz erklären würde. Aber da er auch viel von seinem Humor hielt, konnte er ohne Gesichtsverlust nicht mehr zurück. »Bist du dabei?«, fragte Protschka. »Also, ich bin dabei.«

 

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