Der Mozart der Musik

Der Mozart der Musik

Heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass jemand den Vortrag eines Wissenschafters besucht, ohne zu wissen, wie er aussieht. Heutzutage würde man ihn schon in Videos gesehen haben und hunderte Bilder von ihm abrufen können. 1991 aber war Proschka vor allem durch das Radio bekannt und die besprochenen Vertauschung konnte ohne weiteres vorgenommen werden. Natürlich war ich nervös geworden, aber es war nicht mehr viel Zeit. Man stellte mich einem Kulturpolitiker vor, der einleitende Worte halten sollte. Diesem stellte ich Stephan als meinen Begleiter vor. Die Verwechslung fiel nicht auf. Stephan nahm in der ersten Reihe Platz und eine lange Begrüßung begann.

Schließlich trat ich an das Rednerpult und begann den Vortrag genauso wie Stephan es immer gemacht hatte. Ich beobachtete, dass Protschka in der ersten Reihe saß, die Beine übereinandergeschlagen, und ich wusste, dass am Wippen seines rechten Beins zu erkennen war, wann er sich aufregte. Bis dahin schien er ruhig. Dann fügte ich aber seiner Einleitung einen Satz hinzu: »Der Name Wolfgang Amadeus Mozart ist das Synonym für musikalisches Genie geworden, obwohl das wahre Genie, der Mozart der Musik, erst 1770 geboren wurde und Ludwig van Beethoven hieß.« Raunen im Publikum. Ein gewagter Satz. Er stammte von Kinga Tóth. Protschkas Fuß wippte nicht. Protschka lachte.

Und nun hielt ich den Vortrag, so wie er zu Anfang unserer Lesereise auch von Stephan Protschka gehalten wurden war, vergaß weder Rosalie Joly, noch die Baronin von Waldstätten, noch die Begegnung von Beethoven und Goethe in Teplitz. Und ich war, glaube ich, witziger, sicherer, aber auch überraschender als Protschka; überraschender nämlich an den Stellen, an denen das Leben Mozarts abseits der Verklärung vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Lebensbedingungen eines Capellmeisters erklärt wurde.

Ich gebe zu, dass der Applaus, der dem Vortrag folgte, nicht der größte war, den wir auf der Tour gehabt hatten. Aber ich war durch. Ich konnte aus diesem Saal gehen und am darauffolgenden Tag wieder Protschkas Chauffeur sein. Erst in diesem Moment bemerkte ich meine Erleichterung. Die letzten anderthalb Stunden waren vergangen als wären es ein paar Sekunden gewesen. Ich sah, dass auch Stephan applaudierte. Hoffentlich würde Kinga nie von dieser Sache erfahren. Das war ziemlich unwahrscheinlich, denn in der Anwesenheit von László Tóth durften man Mozart ohnehin nicht erwähnen – also auch nicht Stephan.

Ich war also sicher. Nur mehr eine Kleinigkeit war vor dem Signieren der Bücher zu erledigen, nämlich das Beantworten der Fragen aus dem Publikum.

 

 

Weiter >>>

<<< Zurück