Christiane

Christiane

Ich signierte ein Buch nach dem anderen als Stephan Protschka. Protschka selbst stand in der Schlange mit einem Buch. Kurz bevor er an der Reihe war, wurde er von einem Herren hinter ihm scherzhaft gefragt, ob er als Chauffeur des Professors das Buch bei jeder Präsentation kaufe. Protschka antwortete: »Nein, aber Leipzig war nun wirklich etwas Besonderes«.

Ich signierte also als Stephan Protschka ein Buch für Stephan Protschka. Er gratulierte mir zum Vortrag. Ich schüttelte noch die Hände von drei Kulturpolitikern, bis sich die Menge verlief. Als ich den Vortragssaal verließ, hatte sich davor eine kleine Gruppe von acht bis zehn Menschen um Protschka gescharrt. Er schaffte es also auch als Chauffeur. »Komm, wir gehen noch was trinken«, rief er mir zu. »Ich bin todmüde. Ich muss aufs Zimmer«, antwortete ich und ließ die Gruppe hinter mir.

Als ich mein Zimmer betrat, war ich aber viel zu aufgekratzt, um mich zu setzen. Ich hätte mich gerne selbst gefeiert. Der große Vorhang vor meinem Fenster war zugezogen. Ich konnte mich nicht erinnern, das selbst getan zu haben. Ich blickte zu Boden und erschrak. Unter dem Vorhang sah ich zwei weibliche Füße in Stöckelschuhen.

Ich zog den Vorhang vor. Die Frau schien nicht zu erschrecken. »Da haben Sie mir aber einen tollen Streich gespielt, Herr Professor«, sagte die Frau, »Von wegen: nur der Chauffeur«. Jetzt erst erkannte ich die Rezeptionistin, die mich heute bei der Ankunft für Protschka gehalten hatte. »Ich musste mir ein zweites Buch kaufen. Das will ich aber diesmal von Ihnen signiert haben.« Sie hielt mir ein Buch hin und setzte sich auf das Bett, auf mein Bett, was mich irritierte. Die Hotel-Livree trug sie nicht mehr. Sie aber elegant gekleidet, trug einen Rock und eine gestärkte weiße Bluse.

Ich nahm das Buch und signierte es nun mit etwas Widerwillen als Stephan Protschka.  »Darf ich meine Schuhe ausziehen«, sagte die Rezeptionistin und streifte sofort ihre Stöckelschuhe ab. Ich gab ihr das Buch. »Danke«, sagte sie, »Macht ihr das überall so mit dem Rollentausch?« Da das Bett von ihr besetzt war, nahm ich am Schreibtisch Platz. »Ach, ich habe Bier für uns eingekühlt. Sie sind sicher müde«, sagte sie. Sie ging zu dem kleinen Kühlschrank neben dem Eingang, brachte zwei Bierdosen und hielt mir eine davon hin. Ich nahm das Bier. »Ich bin Christiane«, sagte sie und streckte mir die Hand hin. Ich schüttelte ihre Hand. »Andreas«, sagte ich.

 

 

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