Groupiekennzeichnungspflicht

Groupiekennzeichnungspflicht

Ich saß an dem kleinen Schreibtisch, hatte die Füße auf die Tischplatte gelegt, auf die Mappe, in der sich das Briefpapier und die Kuverts befanden, die ich von jedem Hotel, in dem wir gewesen waren, mitgenommen hatte. Ich öffnete meine Bierdose. Christiane hatte sich nun an das Fensterbrett gelehnt, ihr Bier geöffnet und trank.

»Du willst mich schon wieder verarschen«, sagte sie. »Nein, sagte ich. Ich heiße Andreas Jahn«, sagte ich, »Und wenn Sie … und wenn du an der Rezeption unsere Reisepässe angesehen hättest, dann wüsstest du, dass ich nicht Stephan Protschka bin.« – »Du, ich habe den Vortrag gesehen. Du kannst mich nicht verarschen«, sagte sie. »Schau dir unsere Reisepässe an«, sagte ich, »Ich bin Andreas Jahn«. »Warum hast du dann den Vortrag gehalten?«, sagte Christiane, »Und warum hast du das Buch signiert?« – Sie hielt mir die Unterschrift in ihrem Buch hin.

Wir öffneten die zweite Bierdose. Ich fragte mich, ob sie vorhatte, wieder zu gehen. Aber sie lehnte nun bequem am Fensterbrett und sah mir immer wieder lange in die Augen ohne dabei mit der Wimper zu zucken. »Was ist denn an Stephan Protschka so unwiderstehlich«, sagte ich, »Er ist ein Schwätzer. Er ist von mir aus sogar ein begnadeter Schwätzer. Aber interessieren sich junge, intelligente Frauen für Anekdoten über Mozart?« Christiane lachte nicht. Ich hatte ihr Idol beleidigt. Nicht nur das: Sie glaubte, ich sei ihr Idol.

Normalerweise kommen Groupies durch das Badezimmerfenster, dachte ich. Gut, dass ist bei einer Rezeptionistin bestimmt nicht notwendig, obwohl eine Rezeptionistin, wenn sie ein Groupie ist, vielleicht ihr Rezeptionistinnenimage ablegen und sich an die Groupiekennzeichnungspflicht halten sollte. Groupies wollen Sex oder irgendeinen persönlichen oder intimen Gegenstand ihres Stars ergattern. Aber Groupies sollten niemals, niemals beleidigt sein.

»Ich muss Stephan Protschka etwas erzählen«, sagte Christiane, »Egal, ob du nun Stephan Protschka bist oder nicht.« Dann schwieg sie wieder lange. Vielleicht war da eine Irre in mein Zimmer eingedrungen. Vielleicht sollte ich Angst haben. »Dann erzähl«, sagte ich. »Das ist nicht so einfach«, sagte sie, »Was ich erzähle … also das, was ich erlebt habe, und zwar zwei Mal erlebt habe … du wirst mir nicht glauben.« Ich musste lachen. Wieder erhielt ich dafür einen strengen, beleidigten Blick. »Du glaubst mir ja auch nicht«, sagte ich, »Du glaubst nicht, dass ich nicht Protschka bin.«

Ich betrachtete Christianes Stöckelschuhe, die neben der Eingangstür lagen, wo sie sie abgestreift hatte. Auf die Entfernung kam mir vor, dass sie nass waren. Konnte das sein? Hatte es draußen geregnet?

»Es klingt verrückt«, sagte Christiane, »Aber ich habe sie gesehen. Ich habe sie sogar zweimal gesehen und mit ihr gesprochen.« – »Wer ist sie«, fragte ich. »Constanze«, antwortete Christiane, »Constanze Mozart.«

 

 

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