Elsterbecken

Elsterbecken

»Vor drei Wochen, an dem Tag, an dem ich dein Buch fertig gelesen hatte, fuhr ich nachts noch ans Elsterbecken«, sagte Christiane. »Es waren nur mehr zwei, drei Pärchen auf der Liegewiese und auch die gingen bald. Ich entschloss mich, nackt schwimmen zu gehen.«

Christiane hatte sich inzwischen wieder auf das Bett gesetzt. Ich blickte auf die Uhr. Es war bereits kurz nach 22:00 Uhr. Wenn ich nach Mitternacht zu Bett ging, wurde der nächste Tag sehr anstrengend, das wusste ich bereits aus Erfahrung.

»Ich schwamm also ein Stück, um mich abzukühlen und erschrak, als mir im Wasser eine andere Schwimmerin begegnete, die ich erst sehr spät bemerkte. Aufgrund der einbrechenden Dunkelheit konnte ich sie nicht gut sehen. Sie sagte auch etwas zu mir, was ich aber nicht verstand.«

»Als ich aus dem Wasser stieg, tat sie das ebenfalls und wir standen einander nackt gegenüber. Sie suchte die Liegewiese nach ihren Kleidern ab, lachte dazwischen immer wieder und fand schließlich, was sie abgelegt hatte. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt noch, dass sie Statistin in der Oper war oder von einer Party kam, auf der man sich zu verkleiden hatte, denn sie zog nun ein weißes Rokoko-Kleid an und bat mich, es mit den Zugbändern zu schließen. Auf ihre Brust legte sie ein Tuch, sodass die Brust nach dem Zuzurren der Bänder größer aussah. Sie war klein und sehr attraktiv. Ich hätte sie gerne geküsst, aber von ihrem Kleid ging ein sehr starker Schweißgeruch aus, vor dem mir ekelte.«

Irgendwo hatte ich das alles schon gehört. Christianes Geschichte kam mir nicht sehr originell vor. Stinkende Rokoko-Menschen, das war nicht besonders einfallsreich.

»Aber das Seltsamste kommt erst. Als ich wenige Tage später etwa zur selben Uhrzeit dorthin gefahren bin, habe ich dasselbe wieder erlebt. Diesmal wollte ich die junge Frau küssen, aber es ging nicht. Ich konnte es nicht. Ich tat dasselbe wie beim ersten Mal.«

Ich hielt Christiane damals für verrückt. Heute, wo ich selbst die Fähigkeit des Undo erlebt habe, denke ich darüber anders. Was mich damals bewogen hat, ihr doch zu folgen, war ihre Unerschrockenheit, mir etwas so Bizarres zu erzählen.

»Wollen wir gemeinsam hinfahren?«

»Ich glaube nicht.«

»Was? Ist das dein Ernst? Stephan Protschka hat kein Interesse daran, Constanze Mozart zu begegnen?«

 

 

 

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