Gute Nacht

Gute Nacht

Auf der Rückfahrt zum Hotel redete Christiane ununterbrochen auf mich ein: »Kommen wir morgen wieder zusammen zum Elsterbecken? Bitte, du musst morgen wieder mit mir kommen!« Ich schwieg. »Als das Lied I Promised Myself im Radio lief, hat Constanze gesagt: Mein Mann muss das unbedingt hören. Vielleicht bringt sie ihn das nächste Mal mit?« Ich konnte mich nicht nur nicht erinnern, dass sie das gesagt hatte, sondern war mir sogar sicher, dass sie das nicht gesagt hatte. Ebenso hatte sie nicht gesagt, dass sie Constanze heiße. All das bildete Christiane sich ein. Und überhaupt: Die Frau hatte einen westdeutschen Akzent gehabt, klang eher nach Düsseldorf oder Köln, was niemals auf Constanze Mozart zutreffen konnte.

»Fahren wir morgen wieder hin?«, fragte Christiane. »Ich kann nicht. Ich muss mit dem Professor nach Dresden«, antwortete ich. »Wie viele Stationen habt ihr noch?«, fragte sie weiter. Es waren wirklich nur mehr zwei. Ich antwortete nicht. »Wenn ihr fertig seid, kommst du nach Leipzig und wir fahren wieder hinaus. O.k.?«

Ich fragte mich, ob es Protschka gelungen war, durch mich den Geist von Constanze Mozart in die arme Frau neben mir auf dem Beifahrersitz fahren zu lassen oder eine Art von Besessenheit auszulösen. Nicht auszudenken, wenn er das auch mit László Tóth vorhatte, der sicher noch heftiger darunter leiden würde.

»Du musst kommen«, sagte Christiane. »Wenn du Stephan Protschka bist, dann willst du Mozart sehen, Mozart in Fleisch und Blut. Und wenn du nicht Stephan Protschka bist und du kommst nicht zurück, dann mache ich morgen früh Kopien von euren Pässen und das Leipziger Publikum wird erfahren, dass es von euch betrogen wurde.«

Die Straßen waren bereits leer. Schnell erreichten wir das Hotel. Christiane kam auf mich zu. Sie ließ sich nach vorne fallen und senkte den Kopf, sodass sie damit gegen meinen Brustkorb stieß. »Darf ich bei dir im Zimmer übernachten?«, fragte sie. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Das muss sie sehr erzürnt haben. Plötzlich war sie hellwach. »Du Arschloch«, sagte sie und ging davon. Nach einigen Schritten drehte sie sich nochmals um und rief: »Und du bist Stephan Protschka!« Ich betrat das Hotel und war froh, dass ich Christiane losgeworden war. Erst später bereute ich es.

 

 

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