Eine Ausnahme

Eine Ausnahme

 

Als der Wecker läutete, stellte ich ihn nochmals eine halbe Stunde vor. Ich verzichtete auf das Frühstück, um noch ein wenig zu schlafen. Als ich in die Lobby kam, stand Stephan Protschka schon mit seinem Gepäck dort. Die Rezeptionistin war glücklicherweise eine andere. »Na, Herr Professor, haben wir verschlafen?«, fragte Protschka und grinste. Wir verließen das Hotel und gingen zum Auto.

Protschka öffnete die Fahrertür und setzte sich. »Was soll das?«, sagte ich. Er grinste wieder: »Ich bin der Chauffeur. Gib mir den Autoschlüssel!« – »Lass das«, sagte ich, »du hast keinen Führerschein.«

Protschka setzte sich auf den Beifahrersitz und wir fuhren los. »Gestern war die Kleine aus Weimar wieder da. Ich habe sie mit aufs Zimmer genommen«, sagte Stephan. Ich hasste es, wenn er mit seinen Frauengeschichten prahlte. »Ich dachte, zweimal dieselbe gibt es bei dir nicht«, sagte ich. »Ich habe eben eine Ausnahme gemacht«, sagte er, »Und du?«

Stephan sah aus dem Fenster, seufzte schwer und schlug mit der Hand auf seine Oberschenkel. »Du hast sie verschmäht, nicht wahr?«, sagte er, »Du hast die kleine Rezeptionist verschmäht? So wie du die Tochter von Tóth immer stehen lässt. Und dein Studium wirst du auch nie fertig machen. Hältst du heute wieder meinen Vortrag?«

Ich war froh, dass diese Reise bald vorbei war. Protschka war nicht mehr auszuhalten. Dass ihn überhaupt jemand aushielt! Dass ihn die ganze Welt für einen lieben, gescheiten und sogar schönen jungen Mann hielt!

»Darf ich dich etwas fragen?«, sagte ich, »Wie hat sie gesprochen. Ich meine, welchen Dialekt?« Protschka grinste wieder. »Der Chauffeur muss ganz schön viel wissen«, sagte er, »Mannemerisch. Sie ist in Mannheim aufgewachsen.« Dieser Satz war wie ein Schlag auf meinen Kopf, ein schwerer Knock-Out, nach dem man noch eine Zehntelsekunde im Schock dasteht und dann zu Boden geht. »Warum fragst du mich das?«, fragte Stephan Protschka. »Ich habe sie gestern getroffen«, sagte ich. Plötzlich grinste er nicht mehr. »Getroffen?« – »Ja«, sagte ich, »Gestern habe ich Constanze Mozart gesehen. In Fleisch und Blut. Sie hat sogar mit mir gesprochen.« Protschka schüttelte den Kopf: »Es wird Zeit, dass wir nach Hause kommen. Du drehst schon völlig durch!«

 

Weiter >>>

<<< Zurück