Verkehrte Welt

Verkehrte Welt

Fünfzehn Minuten vor der Abfahrt steigen wir in den Zug ein. Wir haben einen Platz mit Tisch und Aya darf am Fenster sitzen. Auch andere Fahrgäste steigen ein, verstauen ihr Gepäck und beginnen geschäftig zu nesteln. Ein Mann mit Anzug und weißem Hemd fängt lautstark zu telefonieren an, ein anderer breitet einen riesigen Plan auf seinem Tisch aus, eine Mutter gibt ihrem kleinen Sohn eine Trinkflasche, während ein älteres Ehepaar schon beginnt, Mitgebrachtes zu essen, obwohl der Zug noch gar nicht abgefahren ist.

Aya klopft auf meinen Unterarm. Ich habe geglaubt, wir fahren los, sagt Aya, dabei hat sich in Wirklichkeit der Zug neben uns bewegt und wir stehen noch. Siehst du den Mann dort drüben, der diesen riesigen Plan ausgebreitet hat? Aya nickt. Er ist Architekt und hat gerade bemerkt, dass er bei der Planung eines Hauses einen riesigen Fehler gemacht hat, sage ich. Woher weißt du das, fragt Aya? Ich beobachte ihn schon minutenlang. Er hat ein Haus gebaut, bei dem sich der Dachboden irrtümlicherweise im Keller befindet.

Aya lacht. Manchmal ist alles auf der Welt verkehrt: Der Dachboden ist im Keller, die Berge sind Gräben, dafür behindern die Täler unsere Aussicht. Und manchmal glauben wir, dass wir fahren, dabei fährt der Zug neben uns.

 

Verkehrte Welt

Der Architekt entdeckt den Fehler,
den auch der Laie gleich erkennt:
Der Dachboden, der liegt im Keller,
ganz oben ist das Fundament.

Wir sehn die Welt vorüberflitzen,
Doch unser Zug steht noch ganz still.
Wir bleiben hier am liebsten sitzen,
erreichen nicht gern unser Ziel.

Verkehrte Welt,
verdrehte Welt.
Verkehrte Welt,
verdrehte Welt.
Der Zug neben uns fährt.
Doch unser Zug, der hält.

Die Berge hier sind tiefe Gräben.
Die Täler nehmen uns die Sicht.
Im Tunnel sehen wir die Landschaft,
kaum sind wir draußen sehen wir nicht.

Im Reiseführer steht geschrieben,
wie es bei uns zu Hause ist.
Und wären wir zu Haus geblieben,
dann wüssten wir, was Reisen ist.

Verdehrte Welt,
verkrehte Welt.
Verkehrte Welt,
verdrehte Welt.
Der Zug neben uns fährt.
Doch unser Zug, der hält.

Im Schlafwagen sind alle munter,
im Abteil schläft fast jeder schon.
Frühmorgens geht die Sonne unter;
den ganzen Tag scheint hier der Mond.

Der kluge Mensch lernt das Vergessen,
Erinnern macht das Leben schwer.
Den Satten gibt man mehr zu essen.
Der Bauch der Hungrigen bleibt leer.

 

 

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