Eine Million Meilen

Eine Million Meilen

Der Mann, der seit dem Einsteigen telefoniert hat, legt jetzt das Mobiltelefon aus der Hand und blickt das erste Mal aus dem Fenster. Wieder ziehen Wolken über sein Gesicht, in der tiefstehenden Abendsonne flitzen die Bäume der Mischwälder vorbei wie die Striche eines Barcodes. Der Mann liest diesen Barcode beim Aus-dem-Fenster schauen und sein Blick wird finster.

Er klappt den Laptop auf. Bestimmt schreibt er jetzt ein Programm, ein Computerprogramm, das errechnet, wann er sie wiedersehen wird und bestimmt stellt er fest, dass dieser Zeitpunkt mit jeder Minute der Zugfahrt weiter wegrückt. Aber das ist noch nicht das Beunruhigendste. Selbst, wenn es nach langer Zeit zu einem Wiedersehen kommt, wird sie sich so verändert haben, wird er selbst sich so verändert haben, dass sie einander möglicherweise gar nicht erkennen werden am Bahnhof. Es wird wie eine neue Begegnung sein. Eigentlich müsste er sofort aufstehen, die Notbremse im Abteil suchen und daran ziehen, damit er Zug hält und er auf offener Strecke aussteigen und zurücklaufen kann. Hätte er wenigstens nicht aufgelegt und sich den Klang ihrer Stimme noch einmal eingeprägt!

All das darf ich Aya nicht erzählen, denn sie vermisst ihre Mutter und ich will nicht, dass sie auf ähnliche Gedanken kommt. Den Mann — ich bin mir nun sicher, dass er Computerprogrammierer ist — schockiert seine Erkenntnis. Mit dieser Reise hat er sich immer von ihr getrennt. Der Barcode der vorbeiflitzenden Bäume sagt es ihm deutlich: Es ist vorbei! Sie ist eine Million Meilen von dir entfernt.

Eine Million Meilen

Eine Million Meilen
bist du von mir entfernt.
Hast dort wohl schon bisweilen
neue Sprachen erlernt,

neue Gedanken erfahren,
die kein Antennengespann —
nicht in hunderten Jahren —
zu mir her senden kann.

Stehst du mir dann gegenüber
in ein paar tausend Jahren,
kenne ich dich nur noch wieder
an den veränderten Haaren,

zeigt mir dein Lächeln Erschrecken,
wenn du mich wieder siehst,
denn an mir musst du entdecken,
wie alt du dann selbst schon bist.

weichst du aus meinen Blicken,
unsre Gespräche sind leer,
denkst du beim Tränen Ersticken:
Das waren wir! Lange her!

 

 

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