03.10.2019 – Gestohlene Zeit

Für meine Generation der um das Jahr 1970 Geborenen, ist prägend, dass ihr nicht trotz, sondern wegen des ständig steigenden Wohlstands ständig Untergangsszenarien geboten wurde.

… weil hier keine verschonte Insel ist, sondern an jeder Stelle Untergang ist, es ist alles Untergang, mit dem Untergang der heutigen und der morgigen Imperien vor Augen.

Ingeborg Bachmann: Malina (1971)

No Future, Atomkrieg, Ökokatastrophen schufen Endzeitstimmung ohne die Menschen entsprechend wachzurütteln, denn sonst hätte sich in der Umweltdebatte in 40 Jahren auch etwas getan. Statt dessen haben wir uns rückwärts bewegt. In den 1980er-Jahren konnte Sachlagen noch einigermaßen sachlich behandelt werden. Nun werden die westlichen Länder von Idioten und Politclowns regiert. Es geht darum, den Medien jeden Tag durch lautes Gebrüll einen Stunt abzuliefern. Wer am lautesten den größten Unsinn brüllt, von dem schreibt man in den größten Buchstaben.

Dominiert wurde die innenpolitische Debatte zunächst lange vom Budget. Man müsse sparen, das hieß es bereits 1981 mit Kreiskys Mallorca-Paket. Und diese Debatte war vordringlich, bis die bürgerlichen Parteien 2015 beschlossen, Rechtsparteien zu werden, und die sogenannte Flüchtlingskrise erfanden, um sich Wählerzulauf zu verschaffen.

Mit all diesen Spiegelfechtereien will man meiner Generation die Zeit stehlen, sie ihr zumindest madig machen. Alles sei nicht mehr so wie früher, ist aber ein Mantra, das Entpolitisieren soll. Ich rufe dazu auf, beidem nicht auf den Leim zu gehen: dem Mantra nicht und der Entpolitisierung nicht.

Wann, wenn nicht jetzt, sollen die drei großen Probleme des Planeten Armut, Übervölkerung und Umweltzerstörung gelöst werden? Es sind Probleme, deren Bewältigung nicht in Legislaturperioden gedacht werden können. Probleme, die die Politclowns von sich wegschieben und mit ihrem Gebrüll überdecken. Doch die Clowns werden wieder verschwinden. Sie werden kein einziges Problem tatsächlich auch nur angegangen haben. Sie vergeuden unsere Zeit.

Ich möchte mir meine Zeit nicht mehr stehlen lassen. Ich möchte aber auch nicht auf Rückzug oder Entpolitisierung setzen. Und schon gar nicht auf jene zynische Weltsicht, wie sie der leider heute noch viel zu hoch gelobte Karl Kraus betrieben hat, der zwar als Kritiker der Presse brillieren konnte, politisch aber immer daneben lag, als Antisemit, Dollfuß-Freund und letztlich völliger Verkenner der nationalsozialistischen Gewalt.

Wertvolle Zeit braucht mehr als die Feststellung, dass sie anderswo vergeudet wird. Die Literatur, die Musik, die Politik, die Philosophie – sie alle sind nicht tot, weil sie ständig totgeredet werden. Wir müssen sie nur ordentlich betreiben. Gegenwind schadet nicht.