04.10.2019 – Dorfmaschine

Erst Carsten Otte hat mir die Augen geöffnet. Heute nämlich, nach einer Fahrt zu Gsellmanns Weltmaschine. Es ist mein zweiter Besuch dort, der letzte liegt etwa 15 Jahre zurück. Wir fahren mit dem Bus und hören
dabei Texte über die Weltmaschine. Die Texte begeistern mich nicht, sie sehen den augenscheinlich völkerkundlichen oder eher volkskundlichen Aspekt oder betrachten die Weltmaschine als Skulptur, was naheliegt aber nicht überrascht.

Abends aber sagt Carsten Otte zu mir zwei Sätze. Der erste Satz (wörtlich): Es ist eigentlich keine Weltmaschine, sondern eine Dorfmaschine. Der zweite Satz (aus meinem Gedächtnis): Dass die inhaltliche Nicht-Infragestellung der Maschinenteile (z.B. die verarbeiteten katholischen Symbole) und die formale Nicht-Infragestellung (i.e. die art-brut-gemäße additive Arbeitsweise) jenen Rahmen vorgibt, dessen Sprengung sie als Erwartungshaltung des (zumindest) Erstbesuchers auslöst.

Hinzu kommt natürlich, dass die Rezeptionsgeschichte die Geschichte der Maschine selbst längst verdrängt hat. Die Dame, die uns führt, sagt, Gsellmann habe die Maschine niemals selbst Weltmaschine genannt; diesen Ausdruck habe ein Fernsehredakteur in den 70er-Jahre eingeführt. Warum erinnert mich das nur an die Literatur?

In Ottes zweitem Satz liegt der Kern, der tatsächlich zur Literatur führt, vor allem zu jener, die aus den in den 50er-Jahren gebräuchlichen Montagetechniken (methodischer Inventionismus etc.) entstanden ist. Heute sind diese Texte nicht mehr Gegenstand intensiver Auseinandersetzung. Die Texte von damals scheinen durch ihre manuelle Stochastik den zeitgenössischen digitalen Möglichkeiten gegenüber erbarmenswert dürftig. Ob gerade wegen ihrer automatisierten Anwendbarkeit diese Technik heute nicht mehr benutzt wird? Dennoch hat der Stil der Montage viele Autorinnen und Autoren beeinflusst und lebt bis heute in ihren Werken fort. Die prominentesten davon sind Ror Wolf und Elfriede Jelinek.

Ich behaupte nun, dass die Montage-Techniken, die überlebt haben, semi-automatische Techniken sind, d.h., dass sie ohne menschliche Entscheidungen nicht auskommen. Sehr gerne akzeptiere ich den Gegenbeweis, aber mir scheint, dass wir zurzeit keine Jelinek-Maschine bauen können, also ein Programm, das nach dem Tod von Elfriede Jelinek Jelinek-Texte erzeugen können wird.

Die semi-automatische Montage und die getürkte Montage, bei der überhaupt ein menschlicher Autor das Produkt der Technik nur nachstellt, gehen auf Friedrich Achleitner zurück. Achleitner, der auch mit seinem Quadratroman ein Kritiker und Persifleur avantgardistischer Moden geworden ist, lieferte schon lange vorher mit dem Text die gute suppe erstmals eine Pseudo-Montage, die sich eigentlich über simple Lerntexte lustig macht, mit denen man in den 50er-Jahren in Tageszeitungen die Sprachen der Befreiermächte nach dem Zweiten Weltkrieg lernen sollte. Anstiftend wird wohl Achleitners Unzufriedenheit mit der Tatsache gewesen sein, dass der Montage damals (und heute?) zwar ein Satzmodell, aber kein Textmodell zugrunde lag, d.h. dass man eventuell einen schönen Satz, aber unmöglich zwei zusammenhängende Sätze erzeugen konnte. Bei Jelinek ist das virtuose Spiel zwischen emischer und konjugierender Struktur gerade das, was ihre Meisterschaft ausmacht; am gelungensten – meiner Meinung nach – in Die Kinder der Toten.

Wenn wir aber eine zeitgenössische Textmaschine wollen, müssen wir uns eine neue Ethik im Umgang mit der Maschine überlegen und komplexere Textmodelle als Satzgrammatiken verwenden. Sonst wird die Montage nicht viel mehr hergeben als ein historisches Souvenir, es sei denn, Autorinnen und Autoren paraphrasieren sie mit ihren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.