Immerhin war gestern gestern

Immerhin war gestern gestern

Als Aya sich wieder zu mir dreht, gesteht sie, dass sie ihre Mutter vermisst. Sie zeigt mir ein Foto von ihr auf dem Mobiltelefon und küsst das Display. Wäre heute gestern, sagt Aya, könnte sie noch neben mir sitzen.

Wäre heute gestern, sage ich, dann würde es immer noch regnen. Kannst du dich an die heftigen Regenfälle gestern erinnern? Wir konnten nicht einmal hinausgehen, um einzukaufen, wir konnten nicht schwimmen gehen, nicht in der Sonne liegen und der Regen schlug stundenlos erbarmungslos auf das Dach wie auf eine indische Trommel. Und wäre heute gestern, dann müssten wir noch unsere Koffer packen. Außerdem, sage ich zu Aya, wäre dann das Wiedersehen mit der Mama einen Tag weiter entfernt. Von heute aus gesehen sind es nur mehr sechs Tage. Wäre heute gestern, dann wären es ganze sieben Tage.

Aya blickt sehr nachdenklich aus dem Fenster. Wir fahren an einem See vorbei, nur selten unterbricht ein Waldstück den Blick auf das ruhige Wasser. Der Wald am anderen Seeufer spiegelt sich im Wasser, sodass sich lauter kleine Rorschachbilder ergeben, die aussehen, wie die Wellengrafik im Soundbearbeitungsprogramm. Wir können zufrieden sein, denn immerhin war gestern gestern.

Immerhin war gestern gestern

Wäre heute gestern
würden wir noch Hände halten
und im Moorsee schwimmen
und bei Wind die Zehen falten.

Regen fiel aus Vogelnestern.
Alle Menschen waren Schwestern.
Immerhin war gestern gestern.
Immerhin war gestern gestern.

Wäre heute gestern
redeten wir Volapük,
sagte ich löfob oli,
doch wir können nicht zurück.

Regen fiel aus Vogelnestern.
Alle Menschen waren Schwestern.
Immerhin war gestern gestern.
Immerhin war gestern gestern.

Wäre heute gestern
ohne Grabspruch, ohne Schwur,
ohne Smiley und Emoji,
ohne Autokorrektur.

Regen fiel aus Vogelnestern.
Alle Menschen waren Schwestern.
Immerhin war gestern gestern.
Immerhin war gestern gestern.

 

 

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