17.02.2017 – An Ordnungsstelle

UNDO ● II. Geologenhammer
17.02.2017 ● An Ordnungsstelle

 

Auch gestern habe ich mich in die Konditorei AIDA gesetzt. Ich gehe gerne aufs WC. Lieber aber komme ich zurück vom WC. Kinga ist mir nun wieder vertraut. Sie gibt mir zwei Küsschen und ignoriert die Zeitung. Dabei gibt es eine Nachricht über Ungarn: 4-Jahres-Roßkur für die Ungarn auf Seite 14. Auf dem Weg in die Lackierergasse sagt Kinga mir, was alles verboten ist. Ich wiederhole: die Schuhe nicht parallel hinstellen, kein Mozart, kein Ungarn, keine Flügel-Berührung. Und kein Geologenhammer.

Als wir ankommen, sitzt László Tóth schon mit einem Gast im Salon. Er kümmert sich zuerst nicht um Kinga und mich. Erst nachdem wir uns gesetzt haben, stellt er uns den Musikwissenschafter Stephan Protschka vor. Ich kenne Protschkas beliebte Radiosendungen. Kinga sagt immer, Protschka ist ein Quatschkopf, ein Schönling und Grinsekater, der die Anekdoten, die er über Beethoven erzählt, mit Musikwissenschaft verwechselt. Aber an diesem Tag quatscht der Quatschkopf nicht, sondern hört zu. Eine alte Frau kommt mit einem Servierwagen. Darauf Tee, Kekse und Erdnüsse. Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, Erdnüsse zu essen. Bevor ich etwas tue, schaue ich Kinga an. Nimmt sie einen Keks, nehme ich auch einen Keks.

Ich kam natürlich 1956 hierher, sagt László Tóth. Gleich am zweiten Tag bin ich ins Ministerium gegangen und habe mich vorgestellt. Ich dachte, ein Komponist meldet sich bei der Regierung und bekommt dann Aufträge. Ich war sehr enttäuscht, dass ich nicht gleich an Ordnungsstelle einen Kompositionsauftrag bekommen habe. Tóth sagte an Ordnungsstelle. Aber er meinte an Ort und Stelle. Ich muss lächeln. Dabei fällt mir eine Erdnuss aus der Hand und landet auf dem Sofa.

Man kümmerte sich nicht um meine Musik, sondern behandelte mich wie einen normalen Ungarn-Flüchtling, erzählt Tóth weiter. Erst viel später wurde ich überhaupt wahrgenommen und schließlich wurde im Juni 1972 eines meiner Stücke im Musikverein aufgeführt.

Inzwischen allerdings war ein anderer Tóth László weltberühmt geworden: ein aus Ungarn stammender australischer Geologe. Bei diesem Wort räuspere ich mich. Protschka dreht sich zu mir und nickt mir zu. Ich erwarte, dass Kinga mir heimlich auf den Fuß tritt oder mir den Ellbogen in die Seite rammt. Aber es passiert nichts.

Tóth László betrat am 21. Mai 1972 den Petersdom, sagt László Tóth, stürmte auf die Pietà zu und schlug auf Michelangelos Statue ein, bis andere Besucher des Doms ihn zu Boden rissen. Ich bin Jesus Christus, auferstanden von den Toten, soll er dabei gerufen haben. Er selbst hieß Tóth und glaubte, er sei von den Toten auferstanden. László Tóth wartet, ob jemand über seinen Witz lacht. Kinga lacht nicht. Also lache ich auch nicht. Nur Stephan Protschka grinst. Aber er grinst immer.

Tóth László schlug auf die Statue ein. Mit einem Geologenhammer. Mit fünfzehn Schlägen beschädigte Tóth László den linken Arm, die Nase und das Auge der Madonna. Und den Schleier über ihrem Haar auch, glaube ich, sagt László Tóth. Mit einem Geologenhammer. Totenstille im Salon. Für einen kurzen Moment bewegt sich niemand. Keiner wagt es, aufzublicken. Auch ich bewege mich nicht und schaue auf den Tee in meiner Tasse. Ich warte, bis etwas passiert. Irgendwann nimmt Stephan Protschka die Teekanne und gießt László Tóth Tee nach. Der junge Mann mit den besonders guten Manieren macht immer alles richtig.

Ich hasse die katholische Kirche, sagt László Tóth. Also nahm ich die Nachricht von der Attacke auf die Pietà zuerst mit Schmunzeln auf. Dann kam die Uraufführung meines Werkes im Musikverein. Am Ende des Stücks ging ich auf die Bühne und verbeugte mich mit den Musikern. Danach ging ich in die Garderobe. Vor der Garderobe warteten sechs oder sieben ältere Herrschaften. Ich dachte, sie wollten Autogramme, aber plötzlich nahmen sie ihre Regenschirme zur Hand und schlugen damit auf mich ein. Du warst das, du Hund, riefen sie dabei. László Tóth wiederholt immer wieder: Du warst das, du Hund!

Am Abend, als ich aufbreche, sagt Kinga zu ihrem Vater, dass sie mich noch zur Straßenbahn begleitet. Und?, sagte Kinga, hat er dich gefragt? Ich antworte nicht. Heute weiß ich, dass Kinga mein Schweigen als Zeichen dafür ausgelegt hat, dass ich ihr immer noch böse war. Ich gehe zu Fuß, sage ich. Kinga umarmt mich. Erst dann kommen die Küsschen auf die Wangen. Also, sagt Kinga, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wurstbrot, Speckbrot, Speck mit Ei, antworte ich.

 

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