15.02.2017 – Kürzer als ein Haiku

UNDO ● II. Geologenhammer
15.02.2017 ● Kürzer als ein Haiku

 

Ich weiß schon, warum Kinga Tóth sich nicht verändert hat. Weil sich nichts verändert hat. Sie sieht aus wie früher, weil es früher ist. Das Datum auf der Titelseite der Zeitung bestätigt es: Montag, 18. Februar 1991. Die Zeit hat sich verändert, als Kinga durch die Tür der Konditorei AIDA gekommen ist, aber Kinga hat sich nicht verändert. Von allen Menschen, die ich beim Studium kennengelernt hatte, war mir Kinga der liebste. Warum wir uns damals gestritten haben, weiß ich nicht mehr. Und ausgerechnet im Café Bendl, unserem Lieblingslokal. Wir liebten das Café, das Bier, die alte Kellnerin, die die Speisekarte als Dreizeiler aufsagen konnte (kürzer als ein Haiku): Wurstbrot, Speckbrot, Speck mit Ei. Und wir liebten die Jukebox, besonders die Single Heart of Glass von Blondie. Zum einen, weil im Refrain ein Takt um einen Schlag verkürzt war und die Dancing Fools und Mitwippenden durcheinanderbrachte. Zum anderen, weil wir den Songtext einfach nicht verstanden:

Once I had a love, and it was a gas.
Soon found out, I had a heart of glass.

Kinga betrachtet die Schlagzeile: Moskau und Washington geben Iraks Außenminister noch eine letzte Chance. Bist du noch immer für Saddam?, fragt sie. Ich muss lachen: Ich war nie für Saddam.

Heute willige ich ein, Kingas Vater zu besuchen, obwohl ich dabei ein wenig Angst habe. Wir verlassen die AIDA und gehen die Währinger Straße entlang. Die Zeitung steckst du besser ein, sagt Kinga. Du weißt, mein Vater mag keine Zeitungen. Und nun folgt eine Reihe von Anweisungen oder besser Verboten, was ich alles nicht tun darf, wenn wir bei ihrem Vater sind. Stell deine Schuhe im Vorzimmer nicht genau parallel ab, denn sonst beginnt der Vater sofort über Schönberg zu reden. Berühre den Flügel im Salon nicht und schau ihn dir auch nicht zu genau an. Sag ja nicht, dass du rauchst. Erwähne Rauchen überhaupt nicht. Sag nichts, das mit Ungarn zu tun hat, sprich den Namen Mozart nicht aus und sag niemals das Wort Geologenhammer. Warum lachst du?, fragt Kinga. Es fällt mir wirklich schwer, im täglichen Leben ohne das Wort Geologenhammer auszukommen, sage ich. Als wir an der Ecke Sensengasse an der Fußgängerampel warten, will ich mich zu Kinga drehen. Doch sie ist plötzlich gasförmig. Ich hatte einst eine Liebe und sie war ein Gas.

 

Weiter >>>

<<< Zurück