02.07.2020 – Egalitäre Ökologie

Egalitäre Ökologie

Ökologie steht auf vielen Flaggen und Transparenten und gehört zu den Schlagworten jeder politischen Partei. Bei konkreten Maßnahmen zeigt sich aber schnell, dass es eine elitäre und eine egalitäre Ökologie gibt. Ich bin der Meinung, dass nur egalitäre Ökologie wirkliche Ökologie ist. Dazu muss sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie muss mit einer konsequenten Sozialpolitik einhergehen, die Maßnahmen gerecht verteilt. Und sie darf nicht alleine verbraucherseitig wirksam werden, sondern muss auch produktionsseitig regulieren.

Der zügellose Kapitalismus ist der größte Feind der Ökologie. Seine Forderung nach ständigem Wachstum zerstört die Umwelt und den Menschen, sowohl als Individuum, als auch sein soziales Gefüge. Der Kapitalismus bringt bizarre Szenarien hervor: Wer heute über ein Online-Versandhaus in Wien zehn Artikel von einem Hersteller in Wien bestellt, muss wissen, dass die Artikel zunächst 1.500 bis 2.500 Straßenkilometer mit dem Lkw zurücklegen, bis sie ankommen. Viele dieser Versandhäuser bieten kostenlose Rücksendungen an. Der Kunde schickt also neun der zehn bestellten Artikel kostenlos zurück. Wieder legen sie 1.500 bis 2.500 Straßenkilometer mit dem Lkw zurück. An ihrer Destination werden sie weggeworfen, weil das neuerliche Einpflegen in das Versandsystem für den Händler „nicht wirtschaftlich“ ist.

In dieser Vernichtungskette arbeiten zahlreiche Menschen unter miserablen Bedingungen. Von den Produzenten über die Arbeiter in den Logistikzentren bis hin zu den Zustellern – sie alle müssen prekäre, zum Teil gesetzeswidrige Zustände ertragen. Gerade schlecht verdienende Menschen, die Onlineversand in Anspruch nehmen, drücken damit die Löhne und Arbeitsbedingungen weiter. Es ist eine Spirale nach unten.

In Österreich regiert zur Zeit eine Koalition aus einer Wirtschaftspartei und einer Ökologiepartei. Der frühere Parteiobmann der Grünen, der heutige Bundespräsident Alexander Van der Bellen, hat in einem Fernsehinterview einmal gesagt, die Grünen hätten mehr Berührungspunkte mit der ÖVP (Wirtschaftspartei) als mit der SPÖ (Sozialdemokratie). Diese Haltung führt – konsequent betrieben – zur elitären Ökologie. Eine ihrer jüngsten Maßnahmen ist die Erhöhung des staatlichen Zuschusses beim Kauf von Elektroautos von 3.000 auf 5.000 Euro. Diese Maßnahme trifft ausschließlich wohlhabende Menschen, die sich neben ihrem Auto mit Verbrennungsmotor ein Elektroauto als Zweitwagen kaufen und dafür staatliche Förderung bekommen. Sozial ist diese Maßnahme also nicht.

In den Skigebieten Tirols, die in Zusammenhang mit Covid-19 in den letzten Monaten in die Schlagzeilen gekommen sind, zeigt dieselbe Koalition, dass sie nicht nur nichts gegen die Zerstörung der Umwelt, die Ausbeutung von Billiglöhnern und die Verdrängung der lokalen Bevölkerung zugunsten profitabler Tourismuseinrichtungen tut – nein, es ist soweit gekommen, dass die Hoteliers, Liftbetreiber und Tourismusunternehmer dort die in Wahrheit Regierenden sind. Sie dirigieren Politik und Behörden. Wenn es um ihren Profit geht, ignorieren sie Verordnungen einfach, wie es im Fall Ischgl in der Corona-Pandemie nachweislich geschehen ist. Und dabei ging es um Gesundheit und Leben der Gäste, also ihrer Kunden.

Aus der Koalition von Kapitalismus und Ökologie ist keine egalitäre Ökologie zu erwarten. Die kapitalistischen Parteien werden längst über große Netzwerke von Milliardären und riesigen Betrieben finanziert. Sie spenden den Parteien große Summen. Diese Spenden sind aber keine Geschenke, sondern Investitionen, die sie auch bezahlt machen müssen. Am Ende dieser Kette stehen die Steuerzahler und die Wenigverdiener, deren Geld nach oben umverteilt wird. Das sogenannte „kleine Glücksspiel“ ist dafür ein perfektes Beispiel. Dass die frühere Parteichefin der Grünen Eva Glawischnig nach ihrem Ausscheiden aus der Politik just bei einem solchen Glücksspielkonzern angeheuert hat, ist ein fatales Signal.

Die Grünen müssen, wenn sie wirklich an Ökologie interessiert sind, zu einer konsequenten Sozialpolitik zurückkehren. Und die Sozialdemokraten, die hohen Aufholbedarf in der Ökologie haben, müssen sich mehr mit Umweltschutz und den verheerenden Arbeitsbedingungen von Billiglöhnern beschäftigen. Gemeinsam können diese beiden Parteien in die richtige Richtung gehen.

Im Zuge der Corona-Pandemie wäre es möglich gewesen, dass der Staat (wie etwa bei der deutschen Fluglinie Austrian Airlines) für finanzielle Hilfe Beteiligungen fordert und wieder stärker reguliert. Es muss klar sein, dass Ressourcen nicht unbegrenzt sind, dass Mensch und Umwelt nicht grenzenlos ausgebeutet werden können. Die Planwirtschaft ist also die richtige Wirtschaftsform, denn nur sie nimmt Rücksicht auf die Erschöpflichkeit der Ressource. Ökologie muss international wirksam werden, denn die Umweltzerstörung macht nicht an einer Staatsgrenze halt und die Ausbeutung der Arbeitskräfte funktioniert längst global durch das Ausnützen nationaler wirtschaftlicher Unterschiede. Die populistische EU-Feindlichkeit der Österreichischen Regierung, vom Applaus der Boulevardzeitungen weiter angeheizt, arbeitet hingegen an der Lähmung der Internationalisierung – sie blockiert die EU, um nachher sagen zu können: „Die EU ist schwach, sie hat nichts getan.“ Hier ist eine neue Kultur der Zusammenarbeit nötig.

Egalitäre Ökologie braucht aber auch eine Kultur des Verzichts und der Rücksichtnahme. Covid-19 hat neue Sichtweisen geschaffen: Wir tragen Mund-Nasen-Schutz aus Rücksicht auf andere. Wir verzichten auf viele Dinge, um andere und uns selbst zu schützen. So muss es auch in der Ökologie sein. Man kann auf Online-Bestellungen mit Gratisrücksendung verzichten. Ich mache das seit geraumer Zeit. Es fehlt einem nichts.