16.12.2020 – Das historische Loch

16. Dezember 2020

Das Foto ist der Beweis. Der Tag: Freitag, 2. November 1990. Ein Bauarbeiter bei der Bohrung des Channel-Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. Überschrift: Das historische Loch.

Die Zeitungen aus der Zeit, in der es keine Online-Archive gab, sind die einzig wahren Zeitzeugen. Auf das Netz als objektive historische Quelle ist kein Verlass, denn im Netz sind die Undo-Manager unterwegs. Bis vor kurzem war das Bild unseres Bundeskanzlers als jungem Mann an der Seite des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser noch auf vielen Seiten zu finden. Seit einigen Tagen ist es verschwunden und nur ein einziger Blog hat es vor dem Vergessen bewahrt. Was für ein Zufall: Das historische Loch!
Das Netz ist also zu jeder Zeit ein Ausdruck der Wille der Mächtigen. Wer hat wo angerufen und wieviel bezahlt, um was zu löschen? Es wird nicht Jack London gewesen sein und der Betrag nicht 5,20 Dollar.

Vielleicht sollte ich ein Online-Tagebuch schreiben und mich dafür bezahlen lassen, dass ich Satz für Satz lösche und wieder offline nehme. Für manche Sätze bekomme ich vielleicht nur ein paar Cent; für andere höhere Summen. Nicht für das Schreiben bezahlt werden, sondern für das Löschen.
Auf Seite 9 des STANDARD vom 2. November 1990 ist übrigens ein Interview mit Ilse Aichinger abgedruckt. Titel: Hört jetzt das Schreiben auf, wird alles noch schwerer. Ein Zitat aus dem Interview:

Unlängst hat mir ein Freund erzählt, 70 Prozent aller
Autoren auf der Welt sind Alkoholiker. Es wundert mich
nicht. Es ist ein harter Job. Unter Schriftstellern ist die
Suizidhäufigkeit angeblich am größten. An nächter [sic!]
Stelle kommen angeblich die Metzger.

Mir gefällt das doppelte angeblich und der Druckfehler vom 2. November 1990. Man sieht also, dass im Print-Archiv alles erhalten bleibt. Ob Ilse Aichinger wohl an Sinclair Lewis gedacht hat?

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Zuerst veröffentlicht unter

Blog Daniel Wisser