Durchschnittlicher als der Durchschnitt

Durchschnittlicher als der Durchschnitt

8. August 2025

Es ist nicht »die KI«, es ist nicht »das Internet« und es ist nicht das Smartphone, das unsere Gesellschaft so lähmt – es ist deren Benutzung und vor allem die mangelnde Regulierung, die die Entwicklung der Gesellschaft bremst. Über die Auswirkungen und Gefahren der Digitalisierung gibt es viele Studien, viele davon sind klug, vorausschauend und warnend. Sie bleiben aber Bücher, die in Regalen stehen oder als Files auf digialten Geräten herumliegen und führen zu kein Denk- und Veränderungsprozessen.

Durch das Schreiben von Texten mit KI werden die Texte, die damit erzeugt werden, einander immer ähnlicher. Es findet also eine De-Individualisierung statt. Das heißt, dass besondere, herausragende Texte ausbleiben. Anders gesagt: Alle die mit KI Texte schreiben, wollen, dass ihr Stil verwechselbar ist, während Autorinnen und Autoren doch in der gesamten Literaturgeschichte mit großer Mehrheit unverwechselbar, neu und innovativ sein wollten.

Es kommt mir vor, als arbeite die Gesellschaft daraufhin, völlig durchschnittlich zu werden, nein, als würde sie die Durchschnittlichkeit noch steigern wollen. In diesem Anpassungs- und De-Individualisierungsprozess gehen allerdings wichtige Eigenschaften verloren, die eine Gesellschaft davor schützen, ihre die Verteidigung ihrer Errungenschaften aufzugeben.

Zu wenig hat man im Geschichtsunterricht bei alten Kulturen den Blick auf jene Zeit gelenkt, in der sie zerfallen sind. Unser traditionelles Geschichtsbild, das immer noch die Entwicklung einer Gesellschaft in Entstehung, Blüte und Verfall teilt, presst Geschichte in ein Schema, in einen bestimmten Verlauf einer Erzählung, die immer gleich sein muss. Dabei gehen wertvolle Erkenntnisse verloren.

Wir sehen heute an der Renaissance des Rechtsextremismus, dass alte, bereits erlebte Entwicklungen sich wiederholen, die Gesellschaft sie aber nicht bekämpft. Wir sehen, dass Gleichheit und staatliche Regulierung offen angefeindet werden, die ja gerade dafür sorgen würden, dass unsere individuelle Freiheit verteidigt wird und möglicherweise wachsen kann.

Der Kapitalismus strebt längst an, dass bestimmte Regeln, die in der Demokratie für alle gelten müssen, für die Wohlhabendsten nicht gelten: Etwa der Beitrag, den man mit Steuern an der Gesellschaft leistet. Aber auch die Einhaltung von Regeln dieser Gesellschaft: also die Gesetzgebung und die Rechtssprechung. Diese Ungleichheit ist schon in kleinsten Dosen Gift für die Demokratie.

Für unsere heutige Gesellschaft, deren Weiterentwicklung in den späten Achtziger- oder frühen Neunzigerjahren zum Halt gekommen ist, bedeutet das, dass wir nicht zu Ende führen können, was wir begonnen haben: Gleichheit und Freiheit für alle zu sichern. Etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die mit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzte, immer wieder von  Rückschlägen bedroht war, aber doch Fahrt aufgenommen, und vor allem in den 1970er- bis 1990er-Jahren durch wegweisende Maßnahmen wesentliche Fortschritte erfahren hat.

Heute ist diese Entwicklung bedroht, ja, man hat das Gefühl, dass es geradezu en vogue ist, zu altertümlichen, bereits überwunden geglaubten Rollenbildern der Ungleichheit zurückzukehren. So ist es auch mit Frieden und Gewaltlosigkeit, gerechter Umverteilung, der partizipativen Lenkung der Gesellschaft und einem relativ jungen Gegenstand der Politik: der Bewahrung des menschlichen Lebensraums auf dem Planeten. Der Kapitalismus wendet sich gegen die Bewältigung all dieser Aufgaben. Früher hat er es nciht ausgesprochen, heute wird es proklamiert, indem diese gesellschaftlichen Ziele von ihm negiert und lächerlich gemacht werden.

Man möchte meinen, dass die immer durchschnittlicher werdende Gesellschaft ideal dafür ist, die Ziele der Gleichheit umzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Atomisierung der Solidarität und das Einlullen der Massen durch stundenlange inhaltslose Kommunikation, verblödende Unterhaltung und Warenkonsum auf digitalem Weg hat den Boden für die Herrschaft einer immer kleiner, aber immer reicher und einflussreicher werdenden Gruppe von Menschen befördert, denen die Demokratie heute bei ihrem Ziel hinderlicht ist: noch reicher zu werden.

Wenn wir den heutigen Zustand der westlichen Gesellschaft als Wohlstand auffassen, muss die Frage erlaubt sein, ob die in ihm inbegriffene Selbstzerstörung der demokratischen Gesellschaft ein Höhepunkt ihrer Entwicklung sein kann. Wenn individuelle Stimmen und damit Kritik diesem angeblichen Wohlstand zum Opfer fallen, wenn die Rechte des Individuums diesem Wohlstand geopfert werden müssen, kann dann noch von Freiheit die Rede sein?

Wir stehen heute davor, den Schutz von geistigem Eigentum im Zuge der Digialisierung abzuschaffen. Das ist eine reale Bedrohung, die durch mangelnde Regulierung entsteht und einen verheerenden Effekt auf Kultur, Bildung und Wissenschaft haben wird. In Wahrheit kommt es bei der Entwicklung von KI seit vielen Jahren schon zu eklatanten Rechtsbrüchen. So wie Reiche und große Konzerne sich weigern, ihre Steuern abzuliefern, so haben sie sich in diesem Fall geweigert, für das geistige Eigentum anderer, das sie zur Entwicklung der Technologie benötigen, entsprechend zu bezahlen. Und sie sind mit diesem Rechtsbruch durchgekommen.

Damit ziehen sie Kultur, Bildung und Wissenschaft hinunter auf ein immer schlechter werdendes Niveau. Und sie lassen so zu, dass pseudowissenschaftliche und pseudokulturelle Inhalte sich massiv vermehren. Hier gibt es längst eine Fülle bedrohlicher Inhalte, die – wie bei gezielten Einsatz von Fake-News – ja gar nicht in der Absicht erzeugt wurden, die Gesellschaft weiterzuentwickeln und zu informieren, sondern sie im Gegenteil zu täuschen.

Die durchschnittliche Gesellschaft, die ihre demokratische Viskosizität immer mehr verliert, muss sich dagegen wehren. Wir können nicht zu allen nett sein, schon gar nicht zu denen, die sich auf unserem Rücken einen überdurchschnittlichen Wohlstand aufbauen, in dem sie Regeln und Gesetze brechen. Wir brauchen strenge Regulierung durch Staaten und Staatenbünde. Und wir müssen diesem Staat, dessen Teil wir sind, endlich wieder vertrauen und seine Macht auch benutzen. Denn das ist Demokratie.

https://zackzack.at/2025/08/08/durchschnittlicher-als-der-durchschnitt