Wurstbrote

Wurstbrote

 

Als vor der Einsegnung des verstorbenen Schneidermeisters Zabransky der Sarg noch einmal geöffnet wurde, stellten die Trauergäste fest, dass sich darin die Leiche eines unbekanntes Mannes befand. Das Begräbnis musste abgesagt werden. Die Leiche der nach der Flugzeugkatastrophe am Monte Redondo auf den Azoren ums Leben gekommenen französischen Violinvirtuosin Ginette Neveu wurde sechsunddreißig Stunden vor dem bereits festgesetzten Begräbnis von ihrem Bruder als die eines anderen Opfers des Flugzeugunglücks bezeichnet, obwohl der Familienarzt vorher die Leiche als die von Mademoiselle Neveu erkannt haben wollte. Angeblich, so der Arzt, hatte sie auch noch als Tote ihre Stradivari fest umklammert gehalten. Das Leichenbegängnis wurde abgesagt. Später wurde festgestellt, dass es sich bei dem angeblichen Bruder nicht um den Pianisten Jean-Paul Neveu gehandelt haben konnte, da dieser ebenfalls im selben Flugzeug gesessen und bei dessen Absturz umgekommen war. An diese beiden Fälle, über die er kurze Chronikberichte verfasst hatte, dachte der Korrespondent Huitzinger, als er vor dem Begräbnis des Chefredakteurs Felsenthal in der Leichenhalle stand und von der Kleinheit oder besser Kürze des Sarges überrascht war. Felsenthal war von großer Statur gewesen und wenn Huitzinger im Stehen mit ihm geredet hatte, hatte er immer nach oben blicken müssen und Brot- und Wurstreste aus Felsenthals Mund waren aus großer Höhe auf ihn herabgeregnet. Überhaupt war Felsenthal für seine gigantischen Wurstbrote bekannt gewesen. Der angebliche Felsenthal, der nun angeblich in diesem kleinen Sarg lag, hätte – dachte der Korrespondent Huitzinger auf dem Begräbnis – mit den Wurstbroten des wirklichen Redakteurs Felsenthal keine Freude gehabt.