Halskette

Halskette

 

Bei der Aufführung der Komödie Jugend von heute am 18. April am Wiener Burgtheater saß der Verbandsrevisor Zilinski in der sechsten Reihe. Vor ihm in der fünften Reihe saß eine Frau mit kurzem brünetten Haar. Als Zilinski dieses Haar betrachtete, fiel ihm auf, dass die goldene Halskette der Frau vor ihm nicht geschlossen war. Beide Enden des Verschlusses lagen, vielleicht zweieinhalb oder drei Zentimeter voneinander entfernt, auf dem Nacken der Frau. Als sie sich gleich nach Beginn der Vorstellung mit der rechten Hand am Hinterkopf kratzte, befürchtete Zilinski, sie würde die Kette berühren und diese würde abrutschen. Aber die Halskette bewegte sich nicht. Nach anderthalb Stunden, in denen Zilinski sich wegen der Halskette nicht auf das Stück konzentrieren konnte, begann die Pause. Nun beschloss er, die Frau auf den offenen Verschluss anzusprechen, allerdings nicht im Zuschauerraum, sondern dezent, unter vier Augen im Foyer. Er folgte ihr. Allerdings reihte sie sich sofort in eine Menschenschlange vor der Damentoilette ein, wo es ihm unschicklich schien, mit einer Unbekannten ein Gespräch zu beginnen. Der Verbandsrevisor Zilinski postierte sich also in einiger Entfernung von der Damentoilette und wollte geduldig warten, bis die Frau wieder herauskam. Auf den Besuch des Buffets verzichtete er. Ohnehin hätte er nur Angst gehabt, einem Bekannten zu begegnen, der am Ende noch nachfragen würde, wie ihm das Stück gefiele, von dem er ja wegen der beständigen Beobachtung der Halskette nichts mitbekommen hatte. Doch bald wurde das Pausenende eingeläutet. Die Frau war nicht wieder aufgetaucht. Die Schlange vor der Damentoilette war verschwunden und nach dem neuerlichen Läuten kehrte der Verbandsrevisor Zilinski an seinen Platz zurück. Erstaunt stellte er fest, dass die Frau mit der Halskette schon wieder auf ihrem Sitzplatz saß. Die Halskette aber war weg. Entsetzt setzte sich Zilinski und kontrollierte den Nacken der Frau. Da war keine Halskette. Entweder hatte sie die Kette auf der Toilette verloren, oder auf dem Weg dorthin, oder hier im Zuschauerraum, in welchem Fall es nur einen Verdächtigen gab: die Person, die hinter ihr saß. Bald nach der Diebstahlsanzeige würde man den hinter der Bestohlenen Sitzenden ermittelt haben, ihn vorladen und befragen, ihm aber vor allem die hanebüchene Geschichte nicht abnehmen, die wertvolle Kette sei von Anfang an nicht verschlossen gewesen, er habe es aber nicht gewagt, der Frau das zu sagen, sie in der Pause aus den Augen verloren und sich das Stück fertig angeschaut, um danach seelenruhig nach Hause zu gehen ohne das Verschwinden der Halskette zu melden. Eigentlich wollte Zilinski das Theater nun so schnell wie möglich verlassen. Aber das hätte ihn nur noch verdächtiger gemacht.