02.01.2026 – Ein Anti-Held

Ein Anti-Held

 

Bei der Arbeit am neuen Roman wird mir klar, dass ich schon wieder über einen Anti-Helden schreibe. So jedenfalls werden ihn, wenn der Text als Buch erscheinen und wenn es Rezensionen geben wird, wohl manche Rezensenten bezeichnen. Ich muss gestehen, dass ich mit dem Ausdruck Anti-Held Probleme habe. Nicht, weil ich nicht weiß, was ein Anti-Held ist, sondern, weil ich nicht weiß, was ein Held ist oder sein soll.

Wie jede Figur ist auch der Held eine Figur, die nur für eine und in einer Erzählung existiert. Er taucht nur auf, weil es ein Problem gibt. Zum Beispiel: Ein böser, gewalttätiger Irrer möchte die ganze Welt in seine Gewalt bringen. Er muss gestoppt werden. Darum also taucht der Held jetzt auf. Anders gesagt: Sein Leben bis dahin war völlig uninteressant und offenbar nicht einmal einen Satz wert. Auf dieselbe Weise muss der Held auch wieder verschwinden. Sein Leben nach der Rettung der Welt zu schildern, ist wertlos.

Freilich sind das die Gesetze des Genres. Als Autor von Kriminalromanen halte ich sie sklavisch ein. Ein Spiel ist nur interessant, wenn alle sich an die Regeln halten. Schreibenden und Lesenden von Kriminalromanen geben diese Regeln Sicherheit. Die Lesenden wissen, dass der Tote tot ist, dass er ermordet wurde, dass er nicht Selbstmord begangen hat, dass am Ende feststeht, wer ihn ermordet hat u.v.a.

In diesem Roman aber, den ich gerade schreibe und der keinem Genre angehört, gibt es keine Regeln. Und ich habe noch nie zuvor, mit so wenig Planung und Skizzen geschrieben. Ralf Rothmann hat in einem interessanten Gespräch über seine Arbeitsweise, dessen Zuhörer ich einmal sein durfte, gesagt, er wisse tatsächlich nicht, was in dem Roman, der er gerade schreibe, geschehe, wenn er morgen weiterschreibe.

Schritt für Schritt in das Obskure, Widersprüchliche, Unerklärliche und Gar-Nicht-Erzählbar-Scheinende einzudringen, ist eine andere Herausforderung. Eine solche Erzählung düpiert das Genre, düpiert auch die Biografie, die ja letztlich auch ein Genre fiktiver Literatur ist; ein Genre, das uns glauben machen will, das Leben eines Menschen sei eine Entwicklung hin zu einem bestimmten Punkt (einer Bestimmung, einem Höhepunkt) und dann wieder eine Entwicklung weg davon.

Ich erinnere mich an den Sketch Bicycle Repair Man von Monty Python, der eine Straße zeigt, auf der alle Menschen, die man sieht, ein Superman-Kostüm tragen. Nur ein Mann ist anders: Ein ganz normal gekleideter Arbeiter mit einer Werkzeugkiste: Bicycle-Repair-Man. Eine satirische Darstellung des Umstandes, dass der Anti-Held die einzig interessante Figur ist.

Die kritische Literatur muss Erwartungen enttäuschen, muss in ihrer Nicht-Einlösung brillieren, muss sich in Opposition zum Gängigen befinden. Das ist schwierig in einer Welt, in der nun schon durch Computerprogramme das Durchschnittliche noch einmal unterdurchschnittlicher als der Durchschnitt automatisch reproduziert wieder kann. Aber das macht es nur aufregender, spannender und schöner, sich dieser Welt zu widersetzen.