Die Stadt unter dem Fußboden
Die Textsammlung Unter dem Fußboden – ich habe keine Gattungsbezeichnung weder für die einzelnen Texte noch für das Ganze – ist mir im Laufe der letzten siebzehn Jahre zu so etwas wie einer Stadt geworden. Ich nehme mir immer vor, für literarische Texte keine Analogien zu verwenden – und tue es jetzt doch.
Unter dem Fußboden ist vielleicht wie ein Städtchen. Beim ersten Versuch einer Häusernummerierung in Wien im Jahr 1770 zählte man 1.382 Häuser. Mit dem heutigen Stand (7. Januar 2026) bin ich mit 198 Texten bei einem Siebtel davon. Mein Städtchen ist ein gewordenes, weil es nie als solches geplant war, sich langsam entwickelt hat, immer wieder aufgegeben werden sollte und doch weiterexistiert und weiterwächst. Das Glossar ist längst ein dichter Zaun, der mich vor der Welt schützen soll. Viele Texte kenne ich auswendig. Damit mit sind sie immer bei mir, in mir. Sie stehen für mich auch für eine Zahl und manchmal bestimmte Bedeutungen. Für neue Gebäude werden oft Elemente von älteren Gebäuden nachgebaut oder variiert. Aber es gibt auch Peripherie, Randbereiche, seltsame Gebäude, die mir nach Jahren des Wiedersehens fremd vorkommen. Und es gibt ein Welt unter dieser Stadt: Das sind bewusste oder unbewusste Anlehnungen, Erinnerungen, Zitate oder Plagiiertes aus anderen Texten. Dieser Untergrund wird nur auf meiner Webseite vermittelt, indem ich Zitate aus der Literatur, die mich beeinflusst hat, und Schnappschüsse, die ich hin und wieder mit Handy oder Kamera mache, wiedergebe.
2021 habe ich für ein Theaterprojekt begonnen, das Glossar zu Unter dem Fußboden anzulegen. Das hat mein Bild von der Stadt verändert. Zum Teil waren mir wiederkehrende Elemente, Worte oder darin auftauchende Namen bewusst. Da ist zum Beispiel Johann Sebastian Bach, der einige Mal erwähnt wird. Es gibt also eine Johann-Sebastian-Bach-Gasse in dieser Stadt, was auch irritierend ist, denn die Sonnenfelsgasse in Wien hieß in der Zeit des Nationalsozialismus Johann-Sebastian-Bach-Gasse, was man ebenfalls aus einem Text erfährt. Zum anderen Teil aber hat erst das Glossar mir gezeigt, dass mir das mehrfache Auftauchen bestimmter Wörter mir oft nicht bewusst ist. So taucht das Wort Irrtum, das fünfte Wort meines allerersten Texts Unter dem Fußboden (also des ältesten Hauses der Stadt) erst wieder in einem Text aus dem Jahr 2022 auf. Diesen Verbindungsgang zwischen den zwei Gebäuden Unter dem Fußboden und Nachruf habe ich aber erst bei der knochentrockenen Arbeit an meinem Glossar freigelegt.
Das Pflegen dieses Glossars beeinflusst natürlich das Schreiben der Texte. Die Bautätigkeit oft eingestellt worden. Dann wieder haben Nachfragen nach Texten oder Lesungen oder andere Projekte es wieder zum Leben erweckt: Karl Barattas Bühnenfassung etwa, für die das Glossar eigentlich entstanden ist, Nachfragen bibliophiler Verlage wie die Edition Thurnhof oder der Zettelkasten im Wiener Literaturhaus, wo ich Karteikarten, auf denen sich Entwürfe oder Sätze für geplante Texte befinden, ausgestellt habe.
Freilich gibt es auch Ruinen, nie fertiggestellte, nie fertig werdende Gebäude, unverwirklichte Pläne und Pläne, die besser Pläne blieben. Sie befinden sich in einem File, bzw. in einer riesigen Sammlung von Stichworten, Links, downgeloadeten PDF oder in Büchern eingelegten Zettelchen. Es gibt auch bereits abgerissene Häuser, also Texte, die einmal in irgendeiner Form publiziert waren und nicht mehr in der Sammlung sind.
Und es gibt auch andere Städte, die zumindest Partnerstädte von Unter dem Fußboden sind. Das sind Werke, die einen oder mehrere Bezüge zu den Fußboden-Texten haben. Vor allem ist das mein Hörspiel Wartezimmer. Aber es gibt in jedem meiner Romane irgendwo einen Bezug. Die Frage ist, wie wichtig es ist, diese Bezüge sichtbar zu machen.