Gemälde
Nachdem er in Europa fast drei Jahre lang großen Ruhm genossen und seine Gemälde um fünfstellige Summen verkauft hatte, geriet der Dunkelheitsmaler Hornung in Vergessenheit, verarmte und trat, um zu überleben, freiwillig in den Militärdienst. Er wurde rasend, wenn er hörte, dass der blinde Maler Prachett aus England beim Publikum großes Ansehen genoss, während die früheren Käufer von Hornungs Bildern diese aufschneiden ließen, das Rahmenholz verheizten und die Leinwand billig an Gebrauchtwarenhändler abgaben. Ein blinder Maler sei etwas völlig anderes, ja das gerade Gegenteil von einem Dunkelheitsmaler, wetterte Hornung immer wieder. Doch niemand hörte ihm zu. Er wurde zum Feldkanonenregiment transferiert, wo ihm die strenge Disziplin nicht behagte. Eines Nachmittags entwendete er dem Oberst Irosch ein paar Tuben Ölfarbe und stülpte einen Kübel verkehrt über seinen Kopf. So wollte er hinausgehen, um den Innenhof der Kaserne zu malen, rannte aber mangels Sicht gegen einen Türpfosten und verletzte sich am Kopf. Man wies ihn als geistesverwirrt ins Garnisonsspital ein. Von dort flüchtete er und ging unbekleidet im Regen zu Fuß bis Rorschach, wo ihm ein Maurermeister zivile Kleidung schenkte. Er arbeitete in einer Motorfabrik in St. Gallen und heiratete eine Müllerstochter aus Aargau. Das Paar floh aus der Schweiz und schiffte sich in Triest ein, wo Hornung sich eines nachts aus dem Staub machte, ohne die Hotelrechnung zu begleichen. Auf seiner Fahrt nach Geisberg-Wartberg lernte er die Familie Rehak kennen, und erzählte, er habe in Venedig sein Geld liegen lassen. Er entlockte Herrn Rehak auf diese Weise sechs Kronen und reiste alleine weiter. Doch schon zwei Wochen später erschien er unangemeldet bei der Familie Rehak in Teplitz-Schönau, ließ sich zum Essen einladen und hielt in aller Form um die Hand der Tochter Marie an. Die Eltern fanden ihre Tochter zum Heiraten noch zu jung und schlugen den Antrag höflich ab. Hornung sagte, er werde gerne einige Jahre warten und erhielt zumindest die Erlaubnis, mit Marie ein Kinematographentheater zu besuchen. Die Eltern wollten die Tochter am Schluss der Vorstellung abholen. Doch Hornung hatte das Theater schon kurz nach Beginn der Vorstellung mit dem Mädchen verlassen. Sie begaben sich zu Fuß nach Maria Schein und fuhren von da mit der Bahn nach Dresden, wo Hornung den von Marie mitgenommenen Schmuck veräußerte. Nachdem Hornung nach einem Einbruch von der Polizei verfolgt wurde, ließ er Marie im Hotel zurück, floh zum Bahnhof und reiste steckbrieflich verfolgt alleine weiter nach Budapest. Von dort aus machte er zwei Tage später eine Dampferfahrt auf der Donau. Bei einem Gespräch an Deck erwarb er sich zwischen Maria Taferl und Linz das Vertrauen des Beamten Kalista und seiner Gattin. Von Frau Kalista erfuhr Hornung bei diesem Gespräch, dass inzwischen der berühmte Magnetiseur Mesmer den blinden Maler Prachett – wie zuvor die Pianistin Therese von Paradies – von der Blindheit geheilt hatte. Schon wollte Hornung in Jubel ausbrechen, als Frau Kalista hinzufügte: »Und stellen Sie sich vor, Mister Prachett malt nun, da er das Augenlicht wieder hat, noch wundervoller als zuvor. Mein Mann und ich, wir haben schon sechs Gemälde von ihm gekauft.«