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Johann-Beer-Preis 2018

Johann-Beer-Preis 2018 an Daniel Wisser für den Roman „Königin der Berge“

Karin Fleischanderl (Laudatio):

Der Roman Königin der Berge ist ein kleines Wunderwerk. Dem Autor gelingt das Kunststück, eine äußerst traurige Geschichte in heiteren Tönen zu erzählen. Nicht larmoyant, sentimental oder rührselig, sondern nahezu komisch, humorvoll.
Herr Turin, der Protagonist des Romans, ist an einer schlimmen Form der Multiplen Sklerose erkrankt und wird in einem Heim betreut. Herr Turin, und das macht wohl einen Großteil seines Charmes und auch seines Identifikationspotentials aus, ist renitent. Er ist kein Opfer. Er lehnt sich auf, will sich den ihm auferlegten Regeln im Heim nicht beugen. Manchmal ist er sogar ein richtiges Ekel. Herr Turin mag Frauen, hat sie immer gemocht, und die Frauen, nun vor allem Schwestern und die Heimleiterin, sind ihm nach wie vor zugetan. Er trinkt gern Veltliner und hat so seine Tricks, ihn sich zu beschaffen. Aber vor allem hat er einen Wunsch: er möchte Freitodbegleitung beanspruchen und zu diesem Zweck nach Zürich fahren. Er muss nur jemanden finden, der ihn dorthin bringt. Was ihm letzten Endes auch gelingt.
Dass die Schwere des Themas in Leichtigkeit umgewandelt wird, dafür sorgt Daniel Wissers Sprachwitz. Daniel Wisser hat als experimenteller bzw. experimentierfreudiger Autor begonnen – er schreibt seit 1990 Prosa, Lyrik und radiophone Werke – und dieser Hang zum Formalen erlöst das Thema aus seiner Tragik.
Die Form ist ein Korsett, ein Rahmen, der das Thema distanziert und es so überhaupt erst ermöglicht, es nahe an uns rankommen zu lassen.
Daniel Wisser wechselt die Perspektiven, mal lässt er Herrn Turin in Ich-Form sprechen, dann wirft er wieder einen objektiven auktorialen Blick auf ihn. Ein großer Teil des Romans wird von Dialogen eingenommen, hin und wieder stellt der Autor auch zwei Dialoge, einen realen und einen imaginären, nebeneinander, Sätze sind zuweilen durchgestrichen und einzelne Wörter sind geschwärzt. Da geht es natürlich um die Dinge, die nicht gesagt werden dürfen, etwa dass Herr Turin schon zwei Selbstmordversuche begangen hat, die aufgrund der ihm im Heim zur Verfügung stehenden begrenzten Mittel zum Scheitern verurteilt waren.
Und außerdem gibt es da noch Dukakis, einen bereits lange verstorbenen Kater, der sich gewissermaßen aus dem Jenseits zu Wort meldet und zumeist ironische und kritische Kommentare von sich gibt.
Daniel Wisser lässt die Dinge sprechen: der Schrecken offenbart sich in der Erwähnung von suprapubischen Kathetern und Schnabeltassen, nicht in der Beteuerung des Leids. Erst die ungerührte und – wenn man so will – brutale Schilderung von Vorgängen und Symptomen ermöglicht es dem Leser, Rührung zu empfinden. Daneben gibt es aber auch viel Alltägliches: Den begehrlichen Blick auf die Brüste der Schwestern, die gespannte Beziehung zur Ehefrau, die anderen Insassen mit ihren alters- und krankheitsbedingten Marotten, Langeweile, Feste und Parties, zu denen Herr Turin im Rollstuhl gekarrt wird.
Daniel Wissers Königin der Berge bietet Trost im besten Sinn, der Roman ist eine Art ars moriendi, ein Lehrstück darüber, wie man sich würdevoll und rechtzeitig aus dieser Welt verabschiedet, wenn es nichts mehr zu holen gibt, und wie man den letzten Monaten und Wochen noch etwas Vergnügen und Spaß abringt. Und sei es auch nur in Form von zynischen Kommentaren.

Daniel Wisser wurde 1971 in Klagenfurt geboren, wie gesagt ist er seit 1990 als Autor tätig, sein erster Roman Dopplergasse acht erschien 2003. 2011 hat er am Bachmann-Preis teilgenommen, und im selben Jahr erschien auch sein Roman Standby, der mithilfe forcierter Passivsätze die Tristesse und Entfremdung in der modernen Arbeitswelt heraufbeschwört. Danach folgten die Romane Ein weißer Elefant und Löwen in der Einöde, sowie der Erzählband Kein Wort für Blau. Außerdem ist Daniel Wisser Mitglied der Band Erstes Wiener Heimorgelorchester.
Mit Königin der Berge hat Daniel Wisser schließlich ein gelungenes und berührendes Bild für die Entfremdung und Objektivierung geschaffen, die dem Kranken, dem Patienten, widerfährt. Form und Inhalt gehen hier eine äußerst gelungene Synthese ein. Die Königin der Berge, wie Herr Turin die Krankheit ironisch nennt, hat ihn untertan gemacht, ihm bleiben noch ein paar Momente der Rebellion und Auflehnung – aus denen der Autor literarisches und komisches Kapital schlägt – doch letzten Endes trägt sie den Sieg davon. Dafür erhält er heute den Johann-Beer-Preis – der Roman ist ja wie prädestiniert für den Johann-Beer-Preis – wozu ich ihm sehr herzlich gratuliere.

Der Johann-Beer-Literaturpreis zeichnet ein aktuelles Werk einer österreichischen Autorin oder eines österreichischen Autors aus, das „ästhetisch wie inhaltlich in herausragender Weise von den Unwägbarkeiten des Lebens und vom Umgang mit existenziellen Anforderungen und Nöten erzählt“. Preisträger seit 2009 waren u. a. Antonio Fian, Arno Geiger, Friederike Mayröcker und Lydia Mischkulnig.

https://orf.at/stories/3085262/

https://ooe.orf.at/news/stories/2944414/

https://www.sn.at/kultur/literatur/daniel-wisser-bekommt-johann-beer-literaturpreis-59547046