Speisekarte

Speisekarte

 

An seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag ging der Verbandsrevisor Zilinski ins Gasthaus Zum schwarzen Walfisch. Als er es betrat, dachte er zuerst, dass es vielleicht noch nicht geöffnet hatte, denn er war der einzige Gast. Er setzte sich an den zweiten Tisch neben dem Windfang. Nach einiger Zeit kam von der anderen Seite ein Kellner, ging ein Tablett unter die Achsel geklemmt durch den langgestreckten Schankraum an allen Tischen vorbei und stand schließlich vor Zilinski, der ein großes Bier bestellte. Der Kellner ging mit dem leeren Tablett unter der Achsel den langen Weg an allen Tischen vorbei wieder zurück. Lange geschah nichts. Dann betrat eine Frau das Gasthaus und kam direkt auf Zilinski zu. »Entschuldigung, junger Mann!«, sagte sie. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, einem alten Mädchen wie mir diesen Platz zu überlassen?« Zwar kam die Frau Zilinski nicht wirklich alt vor und es wäre für sie auch einfacher gewesen, sich gleich an den ersten Tisch neben dem Windfang beim Eingang zu setzen. Aber vielleicht ist dieser Tisch ihr Stammplatz, dachte der Verbandsrevisor Zilinski, stand auf und setzte sich drei Tische weiter, und zwar so, dass er der Frau den Rücken zukehrte. Der Kellner kam mit einem einzigem Bierglas auf dem großen Tablett auf Zilinski zu, blieb vor ihm stehen, servierte das Bier und sagte missmutig: »So, jetzt muss ich dieses Bier auf einen anderen Tisch umschreiben.« Zilinski hätte ihm gerne erklärt, dass er den Tisch nicht freiwillig gewechselt hatte. Außerdem wollte er den Kellner bitten, ihm die Speisekarte zu bringen. Aber kaum hatte er den Mut gefasst, etwas zu sagen, da ging der Kellner schon kopfschüttelnd davon, das große Tablett wieder unter die Achsel geklemmt und hin und wieder mit der Faust auf die Tischplatte eines leeren Tisches schlagend. Der Verbandsrevisor Zilinski machte einen Schluck von seinem Bier. Er hörte Schritte hinter sich und ein paar Augenblicke später stand die Frau neben ihm. »Verzeihung, junger Mann! Würden Sie mir freundlicherweise diesen Tisch überlassen?« Zilinski stand auf. Er nahm das Bierglas von seinem Tisch, der nicht mehr sein Tisch war, ging durch die langgezogene Schankstube und formulierte innerlich den Satz, mit dem er dem Kellner die erfreuliche Mitteilung machen wollte, dass er nun wieder an seinem alten Tisch säße, der Kellner also das Bier nicht auf einen neuen Tisch umschreiben musste. Vor der Schank, auf der ein hoher Stapel von Speisekarten lag, blieb Zilinski stehen und beobachtete, wie der Kellner sich, das große Tablett unter die Achsel geklemmt, mit der Köchin unterhielt, die hinter der Durchreiche zur Küche hervorlugte. Zilinski griff nach der obersten Speisekarte. Da aber drehte sich der Kellner zu ihm um, blickte ihm in die Augen und sagte sehr laut: »In einer Minute bin ich bei Ihnen, der Herr! Ein Moment Geduld noch, bitte!«