Metamorphosen: Schöpfung
(Buch I, 1)
Aus dem Lateinunterricht haben die meisten die Vier Zeitalter als Beginn der Metamorphosen in Erinnerung und können davon vermutlich heute noch ein paar Zeilen auswendig. Doch davor gibt es ein Kapitel, das die Erschaffung der Welt beschreibt, das den meisten unbekannt ist.
Der ungewöhnlich lange Abschnitt schöpft – so meine These – vor allem aus der vorsokratischen Philosophie. Ein einziger Urstoff vor der Entstehung der Welt wird angenommen: das Chaos. Und nun wird beschrieben, wie aus diesem Chaos die Elemente und die Himmelskörper entstehen. Die Schilderung reicht bis zum Auftreten der Tiere und schließlich des Menschen auf der Erde.
Eine Zeile habe ich ohne dazugehöriges Reimpaar gelassen: Sie besagt, ein Gott habe der Erde die Gestalt eines orbis gegeben. Ich habe das deutsche Wort Kugel dafür gewählt – diese Wortwahl kann man natürlich kritisieren. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass sowohl Michael von Albrecht in der heute weithin gängigsten und allseits anerkannten Prosaübersetzung dieselbe Wortwahl trifft: »… da ballte er zuerst die Erde zusammen, damit sie auf allen Seiten gleich sei, und gab ihr die Gestalt einer großen Kugel.« Und auch ein wichtiger Autor, der die Metamorphosen im Hexameter im Deutschen nachgedichtet hat, sucht sich das Wort Kugel aus; Johann Heinrich Voß: »Formt’ er die Erd’ im Beginn, und schuf, daß nirgend ihr ungleich / Wär’ ein Teil, die Gestalt der groß gerundeten Kugel.«
Die Schöpfung

ante mare et terras et quod tegit omnia caelum
unus erat toto naturae vultus in orbe
quem dixere chaos rudis indigestaque moles
nec quicquam nisi pondus iners congestaque eodem
non bene iunctarum discordia semina rerum

Noch bevor sich Land und Meer erstreckten,
Himmel oder Wolken sie bedeckten,
gab es im gesamten Weltraum nur
eine Form in der Natur,
die man Chaos nannte; ein Gemenge,
dessen wüstes, feindliches Gedränge
wilder Samen keimte, aber nicht
zu mehr wuchs als sinnlosem Gewicht.

nullus adhuc mundo praebebat lumina titan
nec nova crescendo reparabat cornua phoebe
nec circumfuso pendebat in aere tellus
ponderibus librata suis, nec bracchia longo
margine terrarum porrexerat amphitrite

Noch ist kein Titan auf dieser Welt
der sich zeigt und sie mit Licht erhellt.
Noch ist Phoebe nicht zur Stelle
und bringt uns des Mondes Helle.
Noch kreist auch die Erde nicht
in der Luft im Gleichgewicht.
Noch umfasst auch nicht um ihre Ränder
Amphitrite alle Länder.

utque erat et tellus illic et pontus et aer
sic erat instabilis tellus innabilis unda
lucis egens aer nulli sua forma manebat
obstabatque aliis aliud quia corpore in uno
frigida pugnabant calidis, umentia siccis
mollia cum duris sine pondere habentia pondus

Erde, Luft und Wasser waren eins.
Also konnte man nicht auf der Erde stehen.
Auch im Wasser schwimmen konnte keins.
In der Luft war noch kein Licht zu sehen.
Keine Eigenschaft hatte Gestalt,
jede kämpfte mit der andern: Kalt
haderte mit Warm, Trocken mit Feucht,
Weich kämpfte mit Hart und Schwer mit Leicht.
(Anmerkung: Schwer zu übersetzen ist die geniale Zeile »sic erat instabilis tellus innabilis unda«, wenn man für instabilis und innabilis auch Adjektive verwenden möchte: Unbeschwimmbar wäre als Neologismus noch möglich. Aber unbestehbar klingt nach Prüfungsangst und nicht zu stehen nach Schispringersprache.)

hanc deus et melior litem natura diremit
nam caelo terras et terris abscidit undas
et liquidum spisso secrevit ab aere caelum
quae postquam evolvit caecoque exemit acervo
dissociata locis concordi pace ligavit

Doch ein Gott beendet das Gezerre,
trennt Himmel und Land, trennt Land und Meere,
trennt die dichte Flüssigkeit
von der Himmelsluft, nun ist entzweit
dieser wüste, blinde Haufen. Kaum
haben Luft und Wasser ihren Raum
herrscht Eintracht und Friede zwischen ihnen.

ignea convexi vis et sine pondere caeli
emicuit summaque locum sibi fecit in arce
proximus est aer illi levitate locoque
densior his tellus elementaque grandia traxit
et pressa est gravitate sua circumfluus umor
ultima possedit solidumque coercuit orbem

Sieh, der leichte Himmel schwebt von hinnen,
Feuerkraft betreibt ihn und derselbe
wählt den Platz gleich unter dem Gewölbe.
Dann als nächstes macht die Luft sich breit,
die ihm gleich an Ort und Leichtigkeit.
Dichter als sie beide ist die Erde,
die durch ihre Schwerkraft sich entrafft
und mit großer, mächtiger Gebärde
allen groben Urstoff von sich schafft,
bis die Fluten, die unbändig schäumen,
auf dem Außenrang den Erdkreis säumen.

sic ubi dispositam quisquis fuit ille deorum
congeriem secuit sectamque in membra coegit
principio terram ne non aequalis ab omni
parte foret magni speciem glomeravit in orbis

Welcher Gott es nun auch immer war,
der das Chaos teilte und es klar
ordnete, der formte auch die Erde.
Dass nach allen Seiten gleich sie werde,
gab er ihr das Aussehen einer Kugel.

tum freta diffundi rapidisque tumescere ventis
iussit et ambitae circumdare litora terrae
addidit et fontes et stagna inmensa lacusque
fluminaque obliquis cinxit declivia ripis
quae diversa locis partim sorbentur ab ipsa
in mare perveniunt partim campoque recepta
liberioris aquae pro ripis litora pulsant

Schließlich sandte er des Meeres Wellen,
ließ sie in rasanten Stürmen schwellen
und ringsum an weite Küsten branden.
Quellen ließ er sprudeln, er schuf Seen,
und ließ Moor- und Sumpflandschaft entstehen,
schuf Gestade, die die Flüsse banden,
welche in den Boden sich ergossen
oder in die Ozeane flossen,
dass sie nicht an enge Ufer schlugen,
sondern Wasser an die Küsten trugen.

iussit et extendi campos subsidere valles
fronde tegi silvas lapidosos surgere montes
utque duae dextra caelum totidemque sinistra
parte secant zonae quinta est ardentior illis
sic onus inclusum numero distinxit eodem
cura dei totidemque plagae tellure premuntur
quarum quae media est non est habitabilis aestu
nix tegit alta duas totidem inter utramque locavit
temperiemque dedit mixta cum frigore flamma
Inminet his aer qui, quanto est pondere terrae
pondus aquae levius tanto est onerosior igni

Er befahl dem Feld sich auszubreiten.
Täler dehnten sich in tiefe Weiten.
Er ließ Wälder sich mit Laub umgeben
und befahl dem Berg sich zu erheben.
So wie unser Himmel in vier Sphären,
zwei zur linken und zwei rechts zerfällt,
setzte Gott, die Ordnung nicht zu stören,
mit derselben Zahl die Zonen dieser Welt:
In der Mitte ist es glühend heiß,
außen herrschen Kälte, Schnee und Eis.
Zwischen diesen beiden aber weht
angenehme Luft, lauwarm und stet,
die viel schwerer ist als Feuer werde,
während Wasser leichter ist als Erde.

illic et nebulas illic consistere nubes
iussit et humanas motura tonitrua mentes
et cum fulminibus facientes fulgura ventos

Und dort siedelt er den Nebel an
und die Wolken, die Gewitter dann,
deren Donner uns den Schreck einjagen,
und die Winde, deren Blitze schlagen,
und das Wetterleuchten bringen.

his quoque non passim mundi fabricator habendum
aera permisit vix nunc obsistitur illis
cum sua quisque regat diverso flamina tractu,
quin lanient mundum tanta est discordia fratrum
eurus ad auroram nabataeaque regna recessit
persidaque et radiis iuga subdita matutinis
vesper et occiduo quae litora sole tepescunt
proxima sunt zephyro scythiam septemque triones
horrifer invasit boreas contraria tellus
nubibus adsiduis pluviaque madescit ab austro

Doch der Welterschaffer ließ es nicht geschehen,
dass die Winde alle Luft besetzen;
man kann ihnen zwar kaum widerstehen,
doch sie sollten nicht die Welt zerfetzen;
jeder zieht auf einer andern Bahn
und so streiten die vier Brüder dann.
In der Morgenröte weht der Ostwind gern
bis nach Persien, in Arabiens Wüsten.
Dahingegen zieht’s den Westwind fern
in das Abendland an sonnenwarme Küsten.
Skythien mit seinen sieben Stieren
überfällt der fürchterliche Nord.
Ständig dabei Nässe zu verlieren
zieht der Südwind feucht nach Norden fort.

haec super inposuit liquidum et gravitate carentem
aethera nec quicquam terrenae faecis habentem.
Vix ita limitibus dissaepserat omnia certis
cum quae pressa diu fuerant caligine caeca
sidera coeperunt toto effervescere caelo
neu regio foret ulla suis animalibus orba,
astra tenent caeleste solum formaeque deorum
cesserunt nitidis habitandae piscibus undae
terra feras cepit volucres agitabilis aer

Über diese Elemente setzt
unser Gott den Äther ganz zuletzt,
den von Erdendingen alles trennt,
da er weder Nass noch Schwerkraft kennt.
Kaum war diese Welt in sichern Grenzen,
fingen Sterne an nachts hell zu glänzen,
die am Himmel bis zu dieser Zeit
hingelebt in tiefer Dunkelheit.
Damit keine Gegend nah und ferne
ohne ihre Lebenwesen sei,
ließen Götter in Gestalt der Sterne
Tiere auf dem Himmelsboden frei:
Fette Fische gaben sie den Wellen.
Wilde Tiere gaben sie dem Land.
Und die Vogelwelt ließen sie schnellen
in die Luft, die sie bald überwand.

sanctius his animal mentisque capacius altae
deerat adhuc et quod dominari in cetera posset
natus homo est sive hunc divino semine fecit
ille opifex rerum, mundi melioris origo
sive recens tellus seductaque nuper ab alto
aethere cognati retinebat semina caeli
quam satus Iapeto, mixtam pluvialibus undis
finxit in effigiem moderantum cuncta deorum

Aber ein Tier fehlte bis dahin,
ehrwürdiger und mit hohem Sinn
und zum Herrscher der belebten Welt erkoren.
So wurde alsdann dann der Mensch geboren.
Ob der Schöpfer aller Dinge dies
Wesen aus dem Göttersamen ziehen ließ?
Ob der Erde, die vom Äther,
sich befreite und entfernte, später
noch ein letzter Himmelskeim entsprang?
Des Iapetos Sohn kam und besprengte
mit dem Meerwasser aus seiner Hand
jenes Wesen, das zur Herrschaft drängte,
und mit dem der Götter Ebenbild entstand.

pronaque cum spectent animalia cetera terram
os homini sublime dedit caelumque videre
iussit et erectos ad sidera tollere vultus
sic modo quae fuerat rudis et sine imagine tellus
induit ignotas hominum conversa figuras

Jedes Tier auf dieser Welt erblickt
diese nur zum Erdboden gebückt.
Nur den Menschen ließ Gott aufrecht stehen
und den Himmel und die Sterne sehen.
Und die Erde, eben noch ein wilder
Ort ohne Gestalt und Bilder,
fängt nun an sich rasend zu verwandeln
durch der Menschen Tun und Handeln.