Die Sprache der Oligarchie

Daniel Wisser

Die Sprache der Oligarchie

Eröffnungsrede zur Revue der Entpörung im Schauspielhaus Wien am 25. Oktober 2025

Erschienen in der Zeitschrift wespennest, Nr. 190

Sehr geehrte Zuhörende, sehr geehrte demokratisch-gesinnte Menschen!

Es gibt Tage, da sitze ich zu Hause und weine. Die Nachrichten, vor allem aus den westlichen Ländern, lassen oft nicht viel mehr zu als Trauer und Empörung. Wie konnte es so weit kommen, dass Niedertracht und Unrecht sich so leicht durchsetzen? Es gibt Tage, da muss ich mich in den Schoß meiner kleinen Familie zurückziehen, um Sinn zu finden, um Wärme zu verspüren. Es gibt Zeiten, da versuche ich keine Nachrichten zu lesen, weil das alles nicht mehr auszuhalten ist.

Kolleginnen und Kollegen sagen mir: Schreib nicht über Politik! Sauf dich voll und friss dich dick, halt dein Maul von Politik! So sang schon Wolf Biermann, als er noch in der DDR lebte. Ja, es gibt die Versuchung, sich zurückzuziehen. Die Pressesprache hat den Begriff Wutbürger hervorgebracht und damit die politische Partizipation des Staatsbürgers vom Intellektuellen, wo es hingehörte, ins Emotionale verschoben. Es ist nur allzu verständlich, wenn wir in dieser Zeit unserem Gefühl folgen und unseren Gedanken nicht nachgehen oder sie zumindest nicht artikulieren wollen. Es ist nur allzu verständlich, wenn wir in dieser Zeit vor Scham, aus Selbstschutz oder aus Resignation verstummen.

Und doch es ist grundfalsch. Der Titel dieser Veranstaltung, der mit einem Neologismus die Empörung negiert und zur Entpörung macht, erinnert uns daran, was Politik zu sein hat: Ein Feld, in dem wahrhaftige Beobachtung, Denken und logisches Schließen das Handeln leiten sollen und nicht Wut, Hass oder Empörung.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Oligarchie die Demokratie aushebelt; in manchen Ländern schneller, in manchen langsamer. Sehr wenige sehr reiche Menschen haben so viel Geld, dass sie damit politische Parteien und Medien kaufen können. Gleichzeitig gelten die Gesetze, die für alle gelten sollten, für diese Reichen bzw. ihre Konzerne in vielen Bereichen nicht; etwa in der Steuergesetzgebung.

Es ist meine feste Überzeugung, dass wir uns dieser Entwicklung entgegenstellen müssen, als möglichst breite Masse, die sich nicht fraktionieren lässt. Jeder Unwahrheit, die die Oligarchen verbreiten, müssen wir die Wahrheit gegenüberstellen. Jede Form von Propaganda, Fake-News und informativer Vernebelung müssen wir aufdecken. Das ist anstrengend, aufreibend, zermürbend.

Die Oligarchie verändert auch die Sprache. Diese Veranstaltung ist eine gemeinschaftliche Anstrengung österreichischer Literaturhäuser, die als Gedächtnisinstitutionen wie Dokumentationsstellen der Gegenwart negative Auswirkungen der Oligarchie auf Sprache und Literatur befürchten. Und das nicht unbegründet.

Daher möchte ich mich darauf beschränken, in den folgenden Minuten darzustellen, wie die Oligarchie die Sprache verändert. Es ist eine Aufzählung, die nicht vollständig ist. Es handelt sich dabei mehr um eine Skizze, eine Sammlung meiner Wahrnehmungen aus den letzten Jahren. Gerne können Sie diese Liste ergänzen und ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Erweiterungen zukommen lassen. Worin also besteht die Veränderung unserer Sprache durch die Oligarchie?

1. Verlust der Diachronie

Wie alle autoritären Systeme, ist auch die Oligarchie daran interessiert, dass keine dialektische Geschichtsbetrachtung mehr betrieben wird, sondern dass die Mächtigen die Geschichte neu schreiben. In der Oligarchie müssen nicht nur Gesetzgebung und Recht der herrschenden Politik folgen, sondern auch Medien und Geschichtsschreibung. Das ist vor allem deshalb gefährlich, weil die Datenpools im World Wide Web im Besitz immer weniger großer Konzerne sind. Es ist heute üblich, dass Politiker und Wirtschaftsbosse ihre Biografien im Netz gegen Geld frisieren lassen. Unerwünschtes verschwindet. KI-Tools geben dann die geschönten Darstellungen massenhaft wieder aus. Auch sie sind proprietär und entziehen sich der Kontrolle durch die Gesellschaft. So wird falsche Information reingewaschen.

Der Kampf Donald Trumps gegen Universitäten und Gedächtnisinstitutionen kommt nicht von ungefähr. Er zielt darauf ab, Kritik auszuschalten und ein mögliches Korrektiv der Verbreitung von Falschnachrichten auszuschalten.

Online-Dienste, vor allem die Streaming-Dienste, behaupten heute, im Netz sei alles immer verfügbar. Tatsache ist, dass es nicht nur eine Unzahl von Informationen gibt, die aus dem Netz verschwinden, sondern auch Filme und Musik, die bei Streaming-Diensten nicht zu finden sind. Gleichzeitig werden diese Plattformen ständig mit neuen, zum Teil bedenklichen Inhalten gefüllt. Seit wenigen Wochen etwa wird der Streaming-Dienst Spotify von einer Unzahl KI-generierter Songs mit rechtsextremen Inhalten überschwemmt. Die proprietären Internet-Dienste schaffen also eine neue, eigene Realität.

Zu selben Zeit müssen wir ein Abnehmen der Kompetenz feststellen, die Lesende dazu befähigt, Texte ihrer Zeit zuzuordnen und sie daher auch richtig einzuordnen. Aus den Leselisten der Schulen verschwinden ältere Texte; die Leselisten selbst verschwinden. So ist historisches Verständnis von zwei Seiten in Gefahr.

Ein dritter Angriff auf diachrones Textverständnis ergibt sich durch eine besorgniserregende Entwicklung der letzten Jahre: eine Zensur, die unter dem Deckmantel des »Schutzes« des Publikums betrieben wird. Ich meine zum Beispiel Rufe danach, Shakespeare auf Universitäten zu verbieten, weil es in seinem Werk antisemitische Inhalte gäbe. Wer Literatur aus vergangenen Epochen liest, wird ständig auf Antisemitismus stoßen, auf Rassismus, auf Dikaturen, Genozide, Unterdrückung der Frau und vieles andere. Lesekompetenz basiert aber gerade darauf, diese Phänomene und das Geschriebene einordnen zu können und nicht, die Geschichte überhaupt zu ignorieren. Eine Universität, auf der Studierende der Politikwissenschaft die Reden von Donald Trump nicht mehr lesen dürfen sollen, weil sie Lügen, Beleidigungen und undemokratische Gedanken enthalten, derselbe Trump aber Präsident des Landes ist, in dem sie leben, ist eine bizarre Vorstellung. Genau dieses Szenario haben die Vertreterinnen und Vertreter dieser Zensur aber vor Augen. Sie agieren dabei, freiwillig oder unfreiwillig, im Sinne der Oligarchie.

2. Verlust der Komplexität

Lesen ist immer auch lernen. Wer liest, lernt neue Worte, neue Ausdrücke, neue Informationen kennen. Wozu wäre Lesen sonst gut? Lesen ist also Erweiterung und Transzendieren bisheriger Erfahrungen. Vor allem die gegenwärtige Pressesprache schreckt aber davor zurück, in diese Kompetenz zu vertrauen. Das unsägliche »Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind« unterstellt, dass alle Inhalte in einem fünfzehnsekündigen Video oder einem kurzen Artikel, der möglichst keine Nebensätze enthält, vermittelbar sind.

Hinter dieser Unterschätzung des Publikums liegt eine sublime Form der Unterdrückung. Sie verdammt komplexe Information und propagiert Verkürzung und damit Desinformation. Unter dem Deckmantel der Verständniserleichterung werden so nicht mehr Informationen kommuniziert, die der Meinungsbildung diesen sollen, sondern die Meinungsbildung wird vorweggenommen. Alles wird zum Werbespot. Anstatt zu informieren, verkauft man eine Erzählung, das unsägliche Narrativ, das in die fiktionale Literatur gehört und nicht in die Politik. Inzwischen werden zum Beispiel die Zuwanderungsstatistiken des Bundesministeriums für Inneres, die von den dortigen Pressesprechern an die Medien weitergeleitet werden, so verfasst, dass ihre »politische Verwertbarkeit« im Vordergrund steht, wie es der Jurist und Asylkoordinator Lukas Gahleitner-Gertz ausdrückt.

Stünde die Ausgabe solcher Pressemeldungen einer sie hinterfragenden Presse gegenüber, die sie kritisch aufarbeitete, so wäre die Presse eine Kontrollinstanz. Allzuoft aber werden die Daten so wiedergegeben, wie sie die Pressesprecher an die Redaktionen schicken, ob dies nun an politischer Zustimmung liegt oder einfach an einer Überforderung der Redaktionen. Oft ist die politische Erzählung der Propaganda den Redaktionen sogar recht; nämlich dann, wenn sie Klicks bringt. Wer bringt nicht gerne einen provokativen Artikel über Zuwanderung, wenn die Zustimmung, die online quanitifierbar ist, seine Webseite als Werbefläche attraktiver macht, also Geld einbringt? Die Folge ist eine Boulevardisierung der Medienlandschaft und ein Eindringen propagandistischer Sprache in die Alltagssprache. Bei den Artikeln über Zuwanderung, die nun seit zehn Jahren hysterisierend und massenhypnotisch auf uns einströmen, zeigen Frequenzanalysen, dass ein Großteil von ihnen – und zwar auch in sogenannten Qualitätsmedien – die Begriffe Zuwanderer, Flüchtling, Asylant und Migrant wahllos miteinander vermischt oder gleichsetzt. Unworte, wie zum Beispiel »die Ausländerfrage« werden bereits in Qualitätsmedien benutzt – ohne Anführungszeichen. Man berichtet kritiklos von »Deportation«. Ein deutscher Kanzler, angeblich konservativer und Christ, muss nach der Paraphrase eines Satzes von Joseph Goebbels nicht zurücktreten. Wenn das keine Veränderung der Sprache ist!

3. Verlust der Stilmittel

Mit dem Verlust der Komplexität einher geht der Verlust der Stilmittel. Da sie – wie viele Redakteure betonen – nicht mehr verstanden werden, sollen sie auch nicht benutzt werden. Ich kenne eine österreichische Zeitung, die den Redakteurinnen und Redakteuren nahelegt, keinen Gebrauch von Ironie zu machen.

Dass auf diese Weise ganze Sphären der Literatur ausgeschaltet werden, ist die Vorahnung einer Verarmung, die sich vor unseren Augen vollzieht und in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren abgeschlossen sein wird. Es bleibt dann nur mehr, literarische Werke zu entsorgen oder gewaltsam umzufunktionieren, wie man ja auch in unserem Zeitalter eine der brillantesten Politsatiren – Jonathan Swifts Gullivers Reisen – zu einem Kinderbuch gemacht hat.

4. Uneigenheit

Jahrhundertlang war es der Antrieb der Schreibenden, in der Literatur eigenständige Ausdrucksweisen zu entwickeln, einen eigenen Stil zu entwickeln. Durch das Nicht-Einlösen von Erwartetem, durch das Sich-Loslösen von Normen, die als verpflichtend galten, definierten sich Epochen, aber auch literarische Einzelgänger in Inhalt, Stil und Form. Die Subversion des Tradierten ist Gradmesser für die Vitalität von Literatur und allen Künsten gewesen.

Dieses Beharren auf Eigenheit wird heute verkehrt und von einem Willen zur Uneigenheit abgelöst, dem Versuch, noch durchschnittlicher als der Durchschnitt zu sein. Die elektronischen Werkzeuge, die bereits in der Lage sind, Sätze und auch Texte zu schreiben, leisten diesem Unterfangen massenhaft Vorschub. Was heute noch KI genannt wird und bald das selbstverständliche Werkzeug von uns allein sein wird, ist nichts anderes als die von einer Maschine wiederholte Benutzung der häufigsten Nachbarschaften. Somit wird die Nachahmung des Häufigsten durch den erzeugten Output affirmiert. In unserem Zeitalter wird die Anwendung der digitialen Informationsbearbeitung als reines Werkzeug zur Anbetung des Werkzeugs als Fetisch für scheinbare individuelle Allmacht. Das Aufbrechen der so entstehenden Sprache wird immer schwieriger werden. Und genau das wird die Aufgabe der Literatinnen und Literaten und der Journalistinnen und Journalisten der Zukunft sein: Die Welt des Mainstream zu stören, zu irrtieren, auseinanderzunehmen – inhaltlich, formal, stilistisch, in jeder Hinsicht.

5. Falsche Repräsentation

Die Oligarchie überwältigt uns alle, vor allem durch die steigende Geschwindigkeit, mit der sie in alle Lebensbereiche eindringt. Sie werden uns nicht mehr in Ruhe lassen, da bin ich mir sicher. Die Demokratie braucht länger, um auf diese Bedrohungen zu reagieren, denn sie hat ein Regelwerk. Es dauert einige Zeit, bis wir die Gefahren neuer Tools und Medien erkennen und ihnen etwas entgegensetzen.

So ist auch bei den sogenannten sozialen Medien. Sie sind zu einem Schreckgespenst pseudo-demokratischer Agitation geworden. Wir kennen ihre Algoritmen nicht. Die kennen nur ihre Entwickler. Und es ist nicht leicht, in einem Reich, in dem es ausschließlich darum geht, viele Follower und viele Herzchen oder Daumen nach oben unter seinen Postings zu haben, zwischen menschlichen Usern und sogenannten Bots, also elektronisch gesteuerten Accounts zu unterscheiden; oft will man es ja auch gar nicht. Man kann diese Bots im Tausenderpack kaufen.

Wie auch immer das in sozialen Medien Geschriebene bewertet wird; gespenstisch wird es, wenn Meinungsäußerungen auf diesen Plattformen mit scheindemokratischer Legitimation ausgestattet und zu tagespolitischen Themen hochgespielt werden. Die negative Dynamik sozialer Medien, die Tatsache also, dass das Dagegensein, Anprangern und Beschmipfen – wie in den sogenannten Shitstorms – sich stets größeren Zulaufs erfreut, als positive Äußerungen, holt ihre Postings manchmal aus der Echokammer der Raunzer und Shitstormer, und erreicht Reaktionen außerhalb des Mediums. So etwa hat einmal der Verlag Ravensburger Bücher zu einem Film mit dem Titel »Der junge Häuptling Winnetou« aus dem Handel genommen. Angeblich aufgrund eines Shitstorms.

Die GPI (Gesellschaft für Pädagogik, Information und Medien) stellte nach eingehender Analyse fest, dass beim Konzern nur ganz wenige Beschwerden über diese Bücher eingetroffen waren. Von einem Shitstorm konnte keine Rede sein. Erst Artikel der Bild-Zeitung und der Welt hatten das Thema überhaupt hochgekocht. War es also wirklich ein Anliegen einer woken Bewegung, dann würde ich mir an deren Stelle überlegen, ob ich solche »Medienpartner« haben möchte. Schlussfolgerung der GPI: Ravensburger sei vor dem Druck einen radikalen Minderheit eingeknickt. Die Geschichte könne »nur als Medienversagen gesehen werden«.

Genau aus diesem Grund wird mir mulmig, wenn regelmäßig das österreichische Neutralitätsgesetz in sozialen Medien auf derogative Weise besprochen wird. Klar, man kann auch Verfassungsgesetze kritisieren, ändern oder abschaffen wollen, aber mit einer Zweidrittelmehrheit im Nationalrat. So sieht es die Verfassung vor. Und das ist gut so. Auf keinen Fall aber dürfen Äußerungen in sozialen Medien und die dort (zum Beispiel durch Likes) quantifizierte Zustimmung, die wie gesagt in vielen Fällen künstlich erzeugt wird, als reale Repräsentation öffentlicher Meinung gehandelt werden.

Noch schlimmer ist es in Österreich mit der sogenannten Kritik an der Europäischen Menschenrechtskonvention, die in unserer Verfassung verankert ist. Hier tauchen die sogenannten Kritiker bereits in konservativen Parteien auf. Manche von ihnen sind promovierte Juristen; von Unkenntnis der Sachlage kann man bei ihnen nicht ausgehen. Bewusst rütteln sie mit ihren Äußerungen an etwas, an dem nicht zu rütteln ist. Die Menschenrechte verändern sich nicht. Sie wurden nach dem beispiellosen Terror des Holocaust definiert und sollen die Wiederkehr solchen Terrors im Sinne des Antifaschismus verhindern. Wer daran rüttelt, relativiert den Holocaust.

Der Probegalopp für das Negieren des Rechts und der Verfassung durch Spitzenpolitiker, die einen Eid auf die österreichische Verfassung abgelegt haben, ist bereits im Gang. Der österreichische Innenminister hat es mehrfach abgelehnt, den gültigen Rechtsspruch eines Gerichts, der eine Abschiebung des Innenministeriums rechtskräftig als gesetzeswidrig erkannt hat, zu akzeptieren. Die sogenannte Integrationsministerin des Landes will ein menschenrechtswidriges und gleichheitswidriges Gesetz in der Verfassung verankern.

6. Falsche Balance

Es ist ein massives Problem der Medien geworden – besonders auch der öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland und Österreich –, dass rechtsextreme, rechtspopulistische und neofaschistische Politikerinnen und Politiker unverhältnismäßig häufig zu Talkshows und Diskussionsformaten eingeladen werden. Sie bevölkern sie im Übermaß. Der vorauseilande Gehorsam, sie zu bedienen, ist in den Medien groß; und auch in der sogenannten Meinungsforschung, die ihre Wahlergebnisse notorisch zu hoch prognostiziert.

Der Rechtsruck ist eine Self-Fulfilling-Prophecy der Medien. Dort gibt man der Rechten die Möglichkeit, den den Freiheitsbegriff zu instrumentalisieren und zu pervertieren (sie unterstellen Hate Speech, wenn man sie kritisiert, und fordern Free Speech, wenn sie selbst jemanden beleidigen), Verfassung und Grundrechte zu relativieren und wirkliche Diskussion zu verhindern. Sie sprechen vom Recht, das Recht bleiben muss; und doch sitzen dort, wo sie an der Macht sind, die Anständigen in Gefängnissen und die Verbrecher in der Regierung.

7. Doppelte Standards bei Qualität

Als letzten Punkt für heute muss ich noch auf eine Verfehlung der Staaten zurückkommen, die sie in große Gefahr bringt. Die Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, politisch, ökologisch und ökonomisch, werden seit Jahrzehnten erkannt und benannt. Immer machtloser aber stellen sich die Regierungen darin heraus, durch Regulierung Missständen entgegenzuwirken, wie es ihre Aufgabe wäre.

Die Macht der Wirtschaft über die Regierungen ist zu groß geworden. Wenn Politik sich darauf beschränkt, Konsumenten dazu anzuhalten, auf Flüge zu verzichten, während Fluglinien weiterhin Billigstflüge anbieten und immer noch steuerfrei Kerosin kaufen (eine Subvention von hunderten Millionen Euro jährlich), wenn Politik sich darauf beschränkt, Konsumenten dazu anzuhalten, ökologische Heizungen einzubauen, während in der EU Atomstrom aus veralteten Kernkraftwerken als green gelabelt werden darf, wenn Politik sich darauf beschränkt, Konsumenten dazu anzuhalten, dieses oder jenes Produkt aus ökologischen Gründen nicht zu kaufen, während es von der Wirtschaft produziert und von großen Online-Warenhäusern verkauft werden darf und wenn es nach der Retournierung durch den Kunden von diesem Warenhaus weggeworfen werden darf, dann versagt die Regulierung bei den Konzernen und damit bei den Oligarchen völlig.

So ist es auch auf dem Gebiet des Umgangs mit der heutigen Pressesprache befremdlich, wenn nun zahlreiche geförderte Initiativen entstehen, die die Medienkompetenz vor allem von jungen Menschen schulen sollen. Sie sollen Fake-News, Propaganda und Schund erkennen. Aber derselbe Staat, der diese Initiativen fördert, pumpt monatlich Millionen in Boulevardzeitungen, als Förderungen und als verdeckte Förderungen über Inserate. Es ist, als würde man staatlich Alkoholismus fördern und gleichzeitig Geld für Programme ausgeben, die den Alkoholismus bekämpfen sollen.

Die Neologismen, etwa der Flugscham, und viele andere stehen allesamt für eine Schieflage: Verantwortung des einzelnen Konsumenten hier, keine Verantwortung für  den Produzenten, also die Wirtschaft und die Oligarchen, dort. Das Handeln des Einzelnen wird die Oligarchie nicht aufhalten. Es braucht das Handeln eines großen Kollektivs, das die Macht der Mehrheit in der Demokratie nützt und benützt, um die Oligarchen zu entmachten und zu enteignen. Nur so kann die Demokratie überleben, weiterentwickelt werden und wieder erblühen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!