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Unter dem Fußboden

Zweiundfünfzig

Zweiundfünfzig

 

Der pensionierte Zahnarzt Zipser aus Zams verdiente ein wenig Geld mit der Zimmervermietung und zog auf seinem Grundstück zwölf Vogelbeerbäume, deren Beeren er jährlich einmaischte und daraus ein paar Flaschen Vogelbeerschnaps brannte. Obwohl Zipser schon mit fünfzig Jahren pensioniert worden war, war er bei bester Gesundheit und nur starker Heuschnupfen machte ihm hin und wieder zu schaffen. Mit seinem Bruder, dem Baumeister Zipser, hatte er sich im vorangegangenen Jahr zerstritten, weil dieser ihn gebeten hatte, ihm beim Anpflanzen einer Eberesche in seinem Garten zu helfen. Der Bruder hätte wohl wissen müssen, meinte Zipser, dass er unter starkem Heuschnupfen litt und mit allen Eschenarten deshalb nicht in Berührung kommen durfte. Ansonsten verlief Zipsers Leben beschaulich, bis eines Tages der Botaniker Zwölfer ein Zimmer bei Zipser in Zams mietete. Als Zipser ihm den Garten zeigte, sagte Zwölfer: »Was für schöne Ebereschen Sie haben!« Zipser hielt diesen Satz zunächst für eine Provokation, erfuhr aber dann vom Botaniker Zwölfer, dass Vogelbeere und Eberesche zwei Namen für denselben Baum waren. Es kam noch schlimmer: Zipser musste von Zwölfer erfahren, dass die Föhre eine Kiefer ist und die Amsel zu den Drosseln gehört. Zweiundfünfzig Jahre alt war Zipser zu dem Zeitpunkt, als er dies alles zur Kenntnis nehmen musste. Sein Weltbild war damit zerrüttet.