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Unter dem Fußboden

Regen ist kein Applaus

Regen ist kein Applaus

 

Die Band Mütter der Porzellankiste ist heute niemandem mehr bekannt. Kein einziger ihrer Songs hat überlebt und drei ihrer vier Mitglieder sind schon verstorben. Dennoch tourte die Band in den Neunzigerjahren in Afrika und Asien und war in aller Welt bekannt. Die Mütter der Porzellankiste hatten anfangs nur etwa ein Dutzend Fans. Im Jahr 1975 wurden sie zu einem Open-Air-Konzert eingeladen. Am Nachmittag machten sie ihren Soundcheck, saßen dann stundenlang nervös herum und veränderten die Liste der Songs, die sie spielen wollten, noch ein wenig, bis plötzlich ein Gewitter aufzog und unaufhörlicher Regen einsetzte, sodass das Konzert abgesagt werden musste. Das wäre noch nicht bemerkenswert gewesen, hätte es sich nicht bei ihren nächsten zehn Einladungen zu Open-Air-Auftritten genauso wiederholt. Jedes Mal regnet es. Als die Mütter wieder einmal zu einem Auftritt unter freiem Himmel eingeladen wurden, sagten sie dem Manager der Veranstaltungsfirma scherzend, der Auftritt werde ohnehin nicht stattfinden, da es kurz davor stark zu regnen beginnen werde. Und genau so kam es. Der Manager hieß Berti Hercz und war von der akkuraten Wettervorhersage der Band beeindruckt. Als es im Jahr 1976 zu einer großen Hitzewelle kam und die Bauern des Landes klagten, dass große Teile der Ernte zerstört werden würden, überzeugte Hercz den Bürgermeister einer steirischen Gemeinde davon, die Mütter der Porzellankiste für ein örtliches Freiluftfest zu engagieren. Der Bürgermeister lachte über den Vorschlag und das Demo-Band überzeugte ihn nicht. Berti Hercz aber erklärte, die Band würde ohnehin nicht auftreten, sondern nur Regen bringen. Und so wurden die Mütter im Programm nach zwei Blasmusikkapellen platziert. Beim Soundcheck beklagte sich die Band über die mangelnde technische Ausstattung. Sie konnten nicht fassen, worauf sie sich da eingelassen hatten. Das Publikum war bereits um die Mittagszeit betrunken, grölte und schrie und die Band hatte die schlimmsten Befürchtungen. Doch schon eine halbe Stunde vor dem geplanten Auftritt der Mütter zogen schwarze Wolken auf. Der aufkommende Wind warf die ersten Betrunkenen um und zwanzig Minuten später fiel der Regen so stark, dass er Biergläser genauso überlaufen ließ wie die Trichter der Hörner und Tuben des Blasmusikvereins. Die Mütter der Porzellankiste schafften es in alle Zeitungen, allerdings wurde nicht im Kulturteil über sie berichtet, sondern auf der Wetter-Seite. Ihr Terminkalender war plötzlich voll. Sie tourten von Dorf zu Dorf, von Bezirk zu Bezirk, ohne ihre Songs Never Again, Don’t Run Me Down, Again And Again, Through the Eye of the Needle, Before We Start und andere je vor Publikum zu spielen. Und alle Bürgermeister der Orte, in denen die Mütter auftreten sollten, aber wetterbedingt nicht auftraten, konnten sagen, ihre Gemeinde habe alles richtig gemacht und sei besser durch die Dürreperiode gekommen als jede andere. Doch Berti Hercz hatte mit den Müttern der Porzellankiste eine internationale Karriere vor. Und so gingen die nächsten Tourneen in die Länder Afrikas und Asiens. Anstrengend war es für ihn nur, wenn ihm die Band neue Songs vorspielen wollte oder verlangte, dass Teile der Gage für Aufnahmen in einem renommierten Tonstudio in London verwendet werden sollten. Die erste Unzufriedenheit von Gitarrist und Leadsänger Franz Sommerer zeigte sich darin, dass er vorschlug, die Konzerte der Mütter nur anzukündigen und gar nicht an den Ort zu fahren, wo sie stattfinden sollten. Berti Hercz wollte das tatsächlich ausprobieren, aber nur, weil er insgeheim vorhatte, die Band dann an einem Tag an mehreren Orten gleichzeitig zu buchen und so ein Vielfaches der Tagesgage zu kassieren. In Drafi in Griechenland wurden vier Männer als Doppelgänger für die Mütter bestellt. Sie mussten, nachdem es vor dem Konzert nicht zu regnen begonnen hatte, auf die Bühne und versuchten, einen Song zu spielen. Sie wurden aber von den Einheimischen sofort als Einheimische erkannt und mit trockenen Erdklumpen und Steinen beworfen. Je mehr Berti Hercz versuchte, den vier Bandmitgliedern das Leben in Flugzeugen und Fünf-Sterne-Hotels schmackhaft zu machen, desto stärker wurden ihr Heimweh und ihre Trinksucht. Als Franz Sommerer das erste Mal in eine Klinik eingeliefert wurde, stellte Hercz fest, dass bei Konzerten mit nur drei Bandmitgliedern der Regen nicht mehr so stark fiel wie sonst. Der schwache Regen wurde ausgebuht und Hercz befürchtete einen schweren Imageverlust. Er legte Sommerer nahe, mit dem Trinken aufzuhören. Sommerer brüllte ihn an, er sei ein Rockstar und lasse es sich nicht gefallen, dass sein Drogenkonsum kritisiert werde. Im Jahr 1981 zerbrach die Band, Sommerer verstarb ein Jahr später und der Schlagzeuger erlag einem Krebsleiden. Die beiden anderen Bandmitglieder zogen sich aus dem Musikgeschäft zurück. Erwin Niederschremsinger, der Bassist, schrieb im Jahr 1986 einen Artikel über die Geschichte der Mütter der Porzellankiste für die Bezirkszeitung Hartberg. Er starb 1988. Am Leben ist heute nur noch der Keyboarder der Mütter. Sein Name fällt mir leider nicht mehr ein.