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Unter dem Fußboden

Schrettel

Schrettel

 

Mit Absicht setzte ich mich jeden Morgen beim Frühstück im Hotel neben die deutsche Familie mit einer sieben- oder vielleicht achtjährigen Tochter. Beim ersten Mal hatte ich gedacht, mich verhört zu haben. Dann aber belauschte ich das gleiche Gespräch jeden Morgen. Die Mutter sägte für die Tochter mit dem Buttermesser eine Semmel in zwei Hälften. Die Tochter nahm die Semmel, entfernte den Ballen Semmelweiß, der sich beim Schneiden mit einem Buttermesser in der Mitte der Semmel bildet, und hielt ihn der Mutter hin: »Willst du den Schrettel?« Ich hatte noch nie ein Wort gehört, das den Teigklumpen bezeichnet, der sich bildet, wenn man eine Semmel mit einem stumpfen Messer teilt. Im deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm wird hingegen der Schrete und die Verkleinerungsform der Schrettel als Ausdruck für einen Alpträume verursachenden Dämon angeführt.