Weltuntergang

Weltuntergang

 

Die dritte Nacht in Folge machte sich August Primmer am Abend des 15. November 1899 auf den Weg zum Kahlenberg, um von dort aus den Meteoritenschwarm der Leoniden zu beobachten, dessen Wiederkehr nach dreiunddreißig Jahren von manchen Zeitungen als eine Kaskade von bis zu 5.000 Sternschnuppen pro Stunde, von anderen als Weltuntergang angekündigt wurde. Doch wie in den beiden Nächten zuvor, bekamen Primmer und alle anderen Schaulustigen aufgrund dichter Bewölkung weder Sternschnuppen noch den Weltuntergang zu sehen. Erst gegen halb drei Uhr morgens, nachdem sich der Himmel stellenweise lichtete, konnte Primmer vier Sternschnuppen entdecken. Auf dem Rückweg geriet er in ein Gewitter, aus dem sich ein Kugelblitz mit einem starken, weithin vernehmbaren Knall löste und das Firmament für eine halbe Minute hell erleuchtete. In Penzing geriet eine Fabrik für Telegraphenkabel in Brand. Der Blitz schlug weiters in die Leitungsdrähte der elektrischen Tramway in der Josefstädterstraße ein, sodass die Passanten, die mit dem Draht in Berührung kamen, vom elektrischen Schlag betäubt wurden.

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Man hat mir als Kind den Dritten Weltkrieg versprochen. Bevor ich Zungenküsse kannte, wußte ich die Reihenfolge meiner Tode. Zunächst der Blitz, der zum Erblinden führt, als Zeichen, es sei nun zu spät. Dann, in dieser Reihenfolge, Sturm, dessen Druck das Trommelfell zerstört und die ganze Fläche des Körpers, Hitze, mit sich ablösender Haut, zuletzt Strahlung, wie aus Hohn über meine zusammengekauerte Leiche.

(Jo Lendle: Unter Mardern)