Bürgermeister der Rinder

Bürgermeister der Rinder

 

Immer wieder, sozusagen täglich, sagte der Chefredakteur zu Huitzinger, dass er sich eine ausgewogene Berichterstattung erwarte. Immer wieder sagte, nein, brüllte der Chefredakteur das Wort ausgewogen in Huitzingers Gesicht. Wenn Stainzer von den Unabhängigen zitiert werde und das auf Seite 3, brüllte der Chefredakteur einmal in Huitzingers Gesicht, wobei Huitzinger gleich darauf den Speichel des Chefredakteurs von Stirn, Wangen und Augenbrauen wischte, dann könne Zechmeister von der Zentrumspartei nicht auf Seite 11 zitiert werden. Und wenn Zechmeister sieben Zeilen lang zitierte werde, brüllte der Chefredakteur ein anderes Mal in Huitzingers Gesicht, wobei dieser versuchte, nicht einatmen, um den Mundgeruch des Chefredakteurs nicht zu inhalieren, könne Stainzer nicht nur vier Zeilen lang zitiert werden. Ausgewogen müsse es sein, brüllte der Chefredakteur immer wieder und Huitzinger verstand und fand, dass sogar Speichel und Mundgeruch in der Atemluft des Chefredakteurs ausgewogen waren. Ansonsten habe er, sagte der Chefredakteur, am nächsten Tag Zechmeister oder Stainzer oder gar beide in der Redaktion sitzen und müsse sich anhören, dass es keine Ausgewogenheit in der Berichterstattung mehr gäbe und dass man sich überlegen müsse, bei Insertionskosten und großzügigen Inseraten in Zukunft mehr Sparsamkeit walten zu lassen. Bei dieser Gelegenheit zeigte Huitzinger dem Chefredakteur auch den Entwurf zu seinem Artikel über den Blitz im Mühlviertel.

Der Blitz im Mühlviertel

Am 18. Juli schlug in Julbach im Mühlviertel während eines heftigen Gewitters ein Blitz in die Scheune des Bauern Hartl Max, wobei dieselbe samt Futtervorräten und Fahrnissen ein Raub der Flammen wurde. Auch der Stall brannte ab. Schon Tage zuvor hatte der Blitz etwa fünfundvierzig Kilometer von Julbach entfernt in Lichtenberg in die Häuser der Bauern Wöß Franz und Nigl Adolf eingeschlagen, seinen Weg in die Stallungen gemacht und dort einen Ochsen und eine Kalbin getötet. In St. Peter am Windberg schlug der Blitz in das Madergut ein. In Neukirchen am Wald schlug der Blitz während des Nachmittagsgottesdienstes in die Kirche ein. Einer Frauensperson durchlöcherte in Goldwörth der Blitz den Regenschirm. In Gallneukirchen, St. Georgen an der Gusen, Gratz, Greinsberg und Gramastetten verursachte der Blitz Brände. Neun Schweine verbrannten. In Abersee brannte ein Bauernhaus infolge Blitzschlages ab. Der gesamte Viehstand wurde vernichtet. In Ottensheim schlug der Blitz in den Kirchturm ein. Die Messe musste unterbrochen werden. In Hellmonsödt schlug der Blitz in ein Bauerngut ein. In Prägarten schlug der Blitz in zwei Heustadel ein. In Reichenthal schlug der Blitz in ein Haus ein.  In Hofkirchen im Mühlkreis schlug der Blitz in ein Bauernhaus ein, ohne zu zünden, tötete jedoch ein Kalb. In Pasching erschlug der Blitz einen vierzehnjährigen Knaben. In Kreuzen schlug der Blitz in ein Haus ein und tötete dessen Besitzer.  In Blindenmarkt wurde eine Person vom Blitz erschlagen, ebenso in Tragwein, Kriechbaum und Schauerschlag. In Gramastetten hat der Blitz abermals eingeschlagen und zwar in das Wegmacherhäusl an der Linzer Straße. Auch in die elektrische Leitung schlug er mehrmals ein. In St. Leonhard bei Freistadt brannten drei Häuser infolge Blitzschlages ab. In Ried meldete der Turmwächter acht Brände. Die Aurach trat aus den Ufern und richtete eine solche Überschwemmung an, dass Brücken weggerissen und Menschen die Habseligkeiten weggetragen wurden, in manchen Häusern das Wasser bei den Fenstern ein- und ausrann und in anderen durch den Blitzschlag verursachte Brände unbeabsichtigt gelöscht wurden. In Pürsting, Pfarre Sandl, schlug der Blitz in das Haus des Bauern Stütz ein und erschlug, ohne sonst weiter zu schaden, eine Haushenne. Über Haslach entlud sich ein zündender Kugelblitz und schlug in die Telegraphenleitung ein. In Wintersdorf bei Reichenau ist das sogenannte Krücklhaus abgebrannt, wobei auch drei Rinder und alle Fahrnisse zugrunde gingen.

Unvorsichtigerweise fügte Huitzinger, nachdem der Chefredakteur seinen Entwurf gelesen hatte, hinzu, er werde den Artikel noch kürzen, weil darin viel zu viele Ortsnamen vorkämen. Für ein, zwei Sekunden herrschte Stille. Er ersuche ihn, nein, er bitte ihn, brüllte der Chefredakteur daraufhin noch lauter zu Huitzinger, während ein Essensrest aus seinem Mund schoss und knapp über Huitzingers rechter Augenbraue in dessen Gesicht landete, nein, er flehe ihn an, um Gottes und aller Heiligen willen keinen einzigen Ortsnamen aus dem Artikel zu entfernen. Wie solle er denn dem Bürgermeister von Dingshofen erklären, dass Bumshofen in diesem Artikel vorkomme, Dingshofen aber nicht, brüllte der Chefredakteur. Und wie solle er dem Bürgermeister von Bumshofen erklären, fügte der Chefredakteur nun mit etwas heiserer Stimme hinzu, während sich Huitzinger mit dem Ärmel der rechten Hand über Stirn und Augenbrauen wischte, dass ausgerechnet Dingshofen in diesem Artikel nicht angeführt werde, das benachbarte Bumshofen aber sehr wohl. Nein, er rate unbedingt dazu, sagte der Chefredakteur, keinen einzigen Namen aus dem Artikel herauszuelidieren, sondern ihn in vollem Umfang abzudrucken. Zwar kämen, fügte der Chefredakteur hinzu, darin mehr Schweine als Rinder vor, aber die Rinder hätten ja zum Glück keinen Bürgermeister.